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Uhrwerk der Superlative

« Wie Uhrwerke immer kleiner wurden »

Seit jeher haben es führende Uhrmachermeister als Herausforderung begriffen, leistungsfähigere und mit neuen Funktionen ausgestattete Uhrwerke zu entwickeln. Parallel dazu gab – und gibt – es auch immer wieder Versuche, die Abmessungen von Kalibern auf ein Minimum zu beschränken. Im Jahr 1929 gelang es beispielsweise, ein mechanisches Uhrwerk zu fertigen, das kaum ein Gramm wiegt und nur 14 Millimeter lang, 4,8 Millimeter breit und 3,4 Millimeter hoch ist. Doch wozu wird ein Kaliber benötigt, das auf den ersten Blick wie eine kaum funktionsfähige Miniatur wirkt und einen enormen Herstellungsaufwand erfordert?

Erste mechanische Uhrwerke: Größe ist kein Thema

Bei den ersten mechanischen Uhrwerken, die in Europa etwa um das Jahr 1300 herum entstanden, spielte die Größe nur eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund standen das zuverlässige Funktionieren und eine möglichst hohe Genauigkeit der Zeitanzeige, und in dieser Hinsicht war ein mechanisches Uhrwerk den bereits seit dem Altertum bekannten Sonnen-, Wasser- und Sanduhren deutlich überlegen. Erstmals urkundlich erwähnt wurde eine Räderuhr übrigens im Jahr 1335, wobei dieses Exemplar sich in der Kapelle des Palastes der Familie Visconti in Mailand befand.

Neun Jahre später wurde die Schlaguhr erfunden, und im Jahr 1370 installierte man mit dem Pariser Tour de l’Horloge, einem Eckturm am Palais de la Cité, zum ersten Mal eine für die Öffentlichkeit sichtbare Schlaguhr. Binnen weniger Jahrzehnte trat die Turmuhr ihren Siegeszug durch Europa an und war bald an immer mehr Kirchtürmen und öffentlichen Gebäuden zu sehen.

Nachfrage nach kleineren Uhren wächst

Waren die ersten Uhren meist von Büchsenmachern oder Schlossern hergestellt worden, so entwickelte sich daraus schnell ein neuer Berufszweig, und um die Mitte des 15. Jahrhunderts sind bereits erste Uhrmacherzünfte dokumentiert. Doch je mehr das Vorhandensein von zuverlässig funktionierenden mechanischen Uhren im öffentlichen Raum zur Selbstverständlichkeit wurde, desto stärker trat auch das Bedürfnis in den Vordergrund, eine Uhr nicht nur am Kirchturm oder zu Hause, sondern auch unterwegs in jeder Situation zur Verfügung zu haben. Dabei spielte die Größe des Uhrwerks natürlich eine entscheidende Rolle, denn je kleiner es war, desto bequemer ließ sich die Uhr in einem tragbaren Gehäuse unterbringen.

Peter Henlein Nürnberger Denkmal
@wikipedia – Vitold Muratov

Renaissance: das Uhrwerk wird kleiner

Ein früher Trend zu einer deutlichen Verkleinerung von Uhrwerken setzte bereits zur Zeit der Renaissance ein. Damals wurden Uhren zunehmend mit Gehäusen versehen, die entsprechend dem jeweiligen Zeitgeschmack nahezu beliebig gestaltet werden konnten, und neue Erfindungen, Werkzeuge und Materialien ermöglichten die Herstellung wesentlich kleinerer Teile für das Uhrwerk. Hervorzuheben sind dabei vor allem die Verwendung von Messing, das die Fertigung deutlich kleinerer Zahnräder ermöglichte, und die Übernahme der bereits aus Türschlössern bekannten Feder als Energiespeicher im Uhrwerk. So wurden Uhren unabhängig von ihrem Aufstellort, und dank der 1504 erstmals von dem Nürnberger Peter Henlein vorgenommenen Kombination des Federantriebs mit einer Unrast ließen sie sich schließlich auf Taschengröße verkleinern.

Von der Taschen- zur Armbanduhr

Die heute im Segment der Kleinuhren mit Abstand dominierende Armbanduhr ist rund drei Jahrhunderte jünger. Das weltweit erste Exemplar einer Armbanduhr wurde 1810 bis 1812 von Abraham Louis Breguet hergestellt, und schon der relativ lange Zeitraum von zwei Jahren, der damals zwischen der Bestellung und der Auslieferung der Uhr lag, gibt einen Hinweis auf die technischen Herausforderungen, die dabei zu bewältigen waren.

Auch andere bis heute führende Uhrenmanufakturen, wie beispielsweise Patek Philippe, brachten im Laufe des 19. Jahrhunderts Armbanduhren auf den Markt. Bemerkenswert ist dabei, dass die ersten Armbanduhren vor allem für Damen bestimmt und eher als Schmuckstücke mit der Zusatzfunktion einer Zeitanzeige zu verstehen waren. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Zusammenhang mit der Nutzung im Militär und in der Fliegerei, wurden auch Herrenuhren zunehmend als Armbanduhren ausgeführt. Dabei waren allerdings in erster Linie Eigenschaften wie Robustheit und gute Ablesbarkeit auch unter schwierigen Sichtbedingungen gefragt und weniger eine möglichst geringe Größe.

So verwundert es nicht, dass auch das kleinste mechanische Uhrwerk für eine Damen- und nicht für eine Herrenarmbanduhr entwickelt wurde.

Ein Juwel der Uhrengeschichte: das kleinste mechanische Uhrwerk der Welt

Gelungen ist dieser Meilenstein der Manufaktur Jaeger-LeCoultre, die 1929 zum ersten Mal ihr Kaliber 101 präsentierte, nachdem sie die Öffentlichkeit 1903 bereits mit dem bis dahin flachsten jemals hergestellten Uhrwerk überrascht hatte. Das legendäre Mini-Kaliber 101 ist bis heute auf dem Markt. Es gilt als besonders anspruchsvolle Schöpfung der Haute Horlogerie und ist als weltweit kleinstes Handaufzugswerk nach wie vor unübertroffen. Nur wenige Uhrmachermeister besitzen die nötigen Fertigkeiten, um aus den insgesamt 98 Einzelteilen im Laufe von einer Woche ein Uhrwerk mit so geringen Abmessungen herzustellen. Das wirkt sich auch auf die produzierten Stückzahlen aus.

Wer das Kaliber 101 am Handgelenk trägt, darf sich sicher sein, eine besonders exklusive Uhr zu tragen, denn Jahr für Jahr werden nur 50 Exemplare davon gefertigt. Viele Armbanduhren mit diesem Kaliber sind zugleich auch aufwendige Juwelierarbeiten und mit Diamanten oder anderen Edelsteinen geschmückt. Ein Beispiel dafür aus jüngerer Zeit ist etwa die Jaeger-LeCoultre Joaillerie 101 Etrier, deren Gehäuse verschieden geschliffene Diamanten zieren.

Maurice Lacroix Eliros Date Version EL1087-PVP01-110-1 in Edelstahl mit PVD-BeschichtungIst der Wettstreit um das kleinste Kaliber beendet?

Inzwischen ist das Kaliber 101 von Jaeger-LeCoultre schon mehr als 80 Jahre alt, ohne dass sich ein noch kleinerer Nachfolger gefunden hätte. Das ist allerdings auch nachvollziehbar, denn eine immer weitere Verkleinerung von Uhrwerken wäre kaum sinnvoll.

Dem enormen technischen Aufwand bei der Herstellung stünde kein nennenswerter praktischer oder ästhetischer Nutzen mehr gegenüber. Allein schon aus Gründen der guten Ablesbarkeit ist es wenig hilfreich, Armbanduhren immer weiter zu verkleinern. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass irgendwann einmal ein noch kleineres mechanisches Uhrwerk auf den Markt kommen wird, doch ein besonders dringendes Anliegen dürfte dies wohl für keinen Uhrenhersteller sein.

Schließlich dürfte den enormen Entwicklungs- und Herstellungskosten einer solchen Uhr nur ein relativ begrenztes Absatzpotenzial gegenüberstehen. Die Position des Kalibers 101 in der Welt der mechanischen Armbanduhren scheint also nicht akut gefährdet.

Flache Herrenuhren sind gefragt

NOMOS Glashütte Tangente 38 Version 165 mit StahlbodenDurchaus gefragt sind dagegen Armbanduhren, die ein besonders flaches Gehäuse aufweisen. Vor allem bei Herrenuhren haben sich mit Modellen wie beispielsweise der Eliros Date von Maurice Lacroix oder der Tangente von Nomos Glashütte in den letzten Jahren einige etablieren können. Auch andere Manufakturen im Luxusuhrensegment stellen immer wieder das eine oder andere besonders flache Modell vor.

Viele Männer schätzen es zwar, wenn ihre Uhr markante Abmessungen hat, doch als Dresswatch sind flache Exemplare oft von Vorteil. Sie tragen weniger auf und lassen die Ärmel von Hemd und Jackett leichter über sich hinweggleiten. Beim Durchmesser einer flachen Herrenuhr gibt es allerdings kaum Unterschiede zu „dickeren“ Exemplaren, denn auf eine gewisse maskuline Wirkung und vor allem auf eine gute Ablesbarkeit möchte schließlich niemand verzichten.

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