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Louis Leroy

« Pionier der modernen Automatik-Uhr »

Fortschrittlich, zuverlässig und genial – das Automatikwerk ist zweifelsohne die wichtigste Grundlage der modernen Horologie. Erst mit seiner Erfindung zu Beginn der 1920er-Jahre konnte jener Wachstumsprozess beginnen, der die Uhrenindustrie zu ihrer heutigen Größe geführt hat. Louis Leroy, ein französischer Uhrmacher, zählt zu den entscheidenden Wegbereitern der Innovation. Begeben wir uns auf eine Zeitreise, die uns die Anfänge der Automatikuhr und die Lebensgeschichten zweier faszinierender Pioniere näherbringen wird.

Leroy: Ein prominenter Name der Uhrengeschichte

Die Anfänge der Dynastie reichen bis ins Jahr 1785 zurück, als der 1765 geborene Chronometermacher Bazile-Charles Leroy seine Uhrenmanufaktur nahe des Pariser Palais Royal eröffnete. Als „Uhrmacher der Könige“ bekannt, nahm er seinen Sohn Louis-Charles im Jahr 1828 in seinen Betrieb auf, der fortan unter dem Namen „Leroy et Fils“ operierte. Nach dem Tod Bazile-Charles´ im Jahr 1839 verkaufte sein Sohn ihn an den Fabrikanten und Erfinder Georges Casimir Halley des Fontaines, der ihn im Jahr 1879 wiederum an seinen Sohn Jules übergab. Louis Leroy, der trotz des gleichen Namens nicht mit dem ursprünglichen Firmengründer Bazile-Charles verwandt war, fungierte als Geschäftspartner Jules Halley des Fontaines und setzte die Tradition hochwertiger Taschenuhren und Marinechronometer des Unternehmens fort.

Beide Familien, sowohl die des Firmengründers Bazile-Charles als auch jene von Louis Leroy, sind übrigens nicht mit dem berühmten Uhrmacher Julien Le Roy und seinem Sohn Pierre Le Roy verwandt. Während Julien als Hofuhrmacher Ludwig XV. in die Geschichtsbücher einging, entwickelte Pierre zusammen mit Ferdinand Berthoud die ersten Chronometerhemmungen.

Perfektion und Leidenschaft: Der Weg zum Erfolg

Mit dem Einstieg Leroys in die Pariser Manufaktur stiegen die ohnehin schon hohen Qualitätsstandards ein weiteres Mal. Dabei erstaunten nicht nur die für ihre Zeit ungewöhnlich hohen Zuverlässigkeits- und Präzisionswerte, sondern auch die Komplexität der Zeitanzeiger. Um die Grenzen des technisch Möglichen zu demonstrieren, entwarf Leroy im Jahr 1901 die Taschenuhr „01“, die mit 975 Einzelteilen das komplizierteste Meisterwerk ihrer Zeit war. Sie verfügte nicht nur über die üblichen Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger, sondern besaß zusätzlich eine Wochentags-, Monats-, Jahres- und Mondphasenanzeige sowie weitere Anzeigen für die Jahreszeiten, die Sonnenwende und den Sonnenaufgang wie -untergang. In der Weltzeituhr waren zusätzlich ein Hygrometer, Thermometer, Barometer, Altimeter sowie ein Kompass verbaut, womit sie bis heute zu den faszinierendsten Uhren aller Zeiten gehört. Sie ist im Musée du Temps im französischen Besançon ausgestellt.

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Angesichts dieser Leistungen verwundert es kaum, dass Leroy im Jahre 1906 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde, die auch heutzutage noch die ranghöchste Auszeichnung Frankreichs ist. Als „Horloger de la Marine“ belieferte er nicht nur wohlhabende Kunden, sondern auch das französische Militär mit seinen Zeitanzeigern. Und als seine Uhren um 1922 erstmals die unscheinbare Aufschrift „Systeme de remontage’automatique“ trugen, erzielte der Pionier seine wohl größte Leistung: Das Automatikwerk war geboren.

In Frankreich entworfen, in England verbessert

Es dauerte nur vier Jahre, bis im Jahr 1926 die weltweit erste Serienproduktion automatischer Armbanduhren erfolgte. Wie es soweit kommen konnte? Neben Leroy arbeitete auch der englische Chronometermacher John Harwood an der Verbesserung der damaligen Uhren. Er realisierte, dass Staub und Feuchtigkeit die entscheidenden Gründe für die Ungenauigkeit der meisten Zeitanzeiger waren und hatte sich zum Ziel gesetzt, ein Modell mit integriertem Aufziehmechanismus zu entwickeln. Dadurch sollte das Öffnen des Gehäuses überflüssig und ein optimaler Schutz der feinen Mechanik gewährleistet werden.

Zur Registrierung seiner Erfindung reiste er im Jahre 1923 nach Bern, um dem „Weltzentrum des Uhrenbaus“, wie die Schweiz schon damals bezeichnet wurde, so nahe wie möglich zu sein.

Nur ein Jahr später erhielt er das Patent für seine bahnbrechende Innovation und präsentierte auf der Basler Handelsmesse 1926, dem Vorläufer der modernen Baselworld, die weltweit erste serienproduzierte, automatische Armbanduhr. Seine „Harwood Watch Company“ erlangte in den folgenden Jahren weltweite Berühmtheit, beendete die Produktion aber bereits im Jahr 1931, als Harwoods Patente ausliefen und seiner Firma die finanziellen Mittel zum Überleben der globalen Finanzkrise fehlten. Aufgrund ihrer historischen Bedeutung zählen die originalen Exemplare heutzutage zu den begehrtesten Sammlerstücken der Horologie.

Die folgenden Jahrzehnte: Aufstieg und Fall einer globalen Branche

In Anerkennung seiner bedeutenden Leistungen für den Uhrenbau, aber auch für das französische Militär wurde Leroy im Jahre 1930 selbst zum Offizier ernannt und starb fünf Jahre später. John Harwood lebte nach dem Scheitern seiner Firma noch bis zum Jahr 1964 weiter und wurde nur wenige Jahre vor seinem Tod mit der Goldmedaille des British Horological Institute ausgezeichnet.

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Die großen Leistungen beider Erfinder blieben jedoch erhalten und schufen die Grundlage für alles, was wir über die heutige Uhrenindustrie wissen. Denn nicht nur Rolex, Breitling und Omega, sondern auch unzählige weitere Marken erlebten ihren größten Aufstieg ab den 1930er-Jahren, als sich neben der Vielzahl an Innovationen auch der Bedarf an präzisen Zeitanzeigern erhöhte – im zivilen wie militärischen Bereich. Doch der blühende Aufschwung der Schweizer Uhrenindustrie sollte ein jähes Ende finden, als die Quarzkrise zu Beginn der 1970er-Jahre mit voller Kraft zuschlug und den traditionellen Uhrenbau zu vernichten drohte.

Während die Schweizer weiterhin auf mechanische Uhren setzten, überfluteten vor allem japanische und amerikanische Hersteller den Markt mit günstigen Quarzuhren.

Wie wir heute wissen, ist eine Zerstörung des Schweizer Uhrenbaus glücklicherweise ausgeblieben. Ganz im Gegenteil: Als Swatch die Armbanduhr ab 1983 als modernes Accessoire präsentierte und quasi neu erfand, begann auch der Rest der Branche im „Watch Valley“ des Jurabogens wieder zu florieren. Heute, fast 100 Jahre nach Erfindung des Automatikwerks, steht die Uhrenwelt vielfältiger und innovativer da als je zuvor. Wäre das auch möglich, wenn Leroy nie gelebt hätte? Wir werden es wohl nie erfahren.