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Thierry Stern – Der Präsident von Patek Philippe im Portrait

Herausragende Komplikationen, höchste Handwerkskunst und ein Ruf, der seinesgleichen sucht: Patek Philippe zählt zweifelsfrei zu den größten Namen der Uhrenindustrie. An der Spitze der Genfer Luxusmarke steht seit 1932 eine Familiendynastie, die mit Thierry Stern bereits ihre vierte Generation erreicht. Wie schon seine Vorfahren, setzt der Patek-Präsident auf klare Werte: Qualität statt Quantität, Innovation mit Bedacht und eine starke persönliche Einbindung ins Tagesgeschäft des Unternehmens.

Von der Wirtschaftskrise zum Welterfolg

Die Person Thierry Sterns kann nur verstehen, wer über 80 Jahre in die Historie der prestigeträchtigen Manufaktur zurückblickt. Denn nicht immer war die Marke, wie heute, von reißenden Verkaufszahlen und tausenden Kunden gesegnet, die jahrelange Wartezeiten für ihre Patek in Kauf nehmen. Im Jahr 1932, als die Weltwirtschaft unter den Folgen der großen Finanzkrise litt, fiel der Absatz des Genfer Betriebs auf einen beängstigenden, ja existenziell bedrohlichen Tiefpunkt.

Patek Philippe Aquanaut in der Version 5167-1A-001

Gerade rechtzeitig betraten zwei Inhaber einer Zifferblattfabrik die Bühne: Charles und Jean Stern kauften alle Aktien Patek Philippes, retteten das Unternehmen und legten den Grundstein für den späteren Erfolg. Die Umsetzung des internationalen Aufstiegs erfolgte in der zweiten und dritten Generation: Während Henri Stern den Vertrieb auf dem US-amerikanischen Markt etablierte und dem Hersteller bis 1977 als Präsident erhalten blieb, markierte die Ära seines Sohnes Philippe den endgültigen Durchbruch der Manufaktur.

Seine Mission, die Genfer Firma in die höchsten Ränge der Schweizer Uhrenindustrie zu heben, prägte das Unternehmensbild nachhaltig: Der bis heute ungebremste Erfolg der Nautilus-Kollektion, die Wiedereinführung der Minutenrepetition im Jahr 1989 und die Maximierung der Exklusivität durch die systematische Ausdünnung des Händlernetzes wären ohne ihn wohl undenkbar gewesen. Auch die Eröffnung des firmeneigenen Museums im Jahr 2001 ist auf die Initiative Philippe Sterns zurückzuführen.

Präsident mit handwerklicher Expertise

Thierry Stern trat also in große Fußstapfen, als er die hochrangige Position seines Vaters 2009 übernahm. An Vorbereitung mangelte es dem Nachfolger nicht, denn neben einem erfolgreichen Wirtschaftsstudium umfasste seine bisherige Karriere auch eine Ausbildung zum Uhrmacher. Damit zählt der Unternehmer vermutlich zu einer kleinen Minderheit an Bossen, die das Handwerk ihrer Firma noch selbst beherrschen. Und in der Tat ist die Einbindung Sterns ins Tagesgeschäft stärker, als man denken könnte: So betreut er die Entwicklung und Gestaltung der luxuriösen Zeitanzeiger selbst, besitzt eigene Kenntnisse bezüglich der Materialauswahl und bevorzugt es generell, wenn die Tür zu seinem Büro offensteht. Unverfälscht und direkt sollen ihn die Neuigkeiten des alltäglichen Betriebs erreichen.

Liegt es an seinem Verantwortungsbewusstsein, dass Stern eine Abkapselung vom laufenden Geschehen um jeden Preis vermeiden möchte? Immerhin lenkt er eine Marke, die allein 2018 über 60.000 Uhren verkaufte, mehr als 2.400 Angestellte beschäftigt und zu den wichtigsten Pionieren der Branche zählt. Falsche Entscheidungen könnten nicht nur die Zukunft Patek Philippes gefährden, sondern auch die ganze Uhrenindustrie schädigen. Es ist zumindest sehr wahrscheinlich, dass Thierry Stern diese Aspekte in seinem Handeln berücksichtigt. Aber im Kern ist es eine tiefe Leidenschaft für seine Manufaktur, die den Präsidenten jeden Tag aufs Neue antreibt.

Keine Gründer, sondern Beschützer

Stern ist bewusst, dass seine Familie erst lange nach der Gründung Pateks in die Firma eintrat. Genauer gesagt, 93 Jahre später. Denn die Geburtsstunde der Marke schlug bereits im Jahr 1839, als der polnische Adelige Antoine Norbert de Patek eine zunächst beschauliche Uhrenmanufaktur in Genf eröffnete. Durch den späteren Eintritt des französischen Unternehmers Jean Adrien Philippe erhielt die Marke 1851 erstmals ihren bis heute verwendeten Namen und revolutionierte die Horologie grundlegend. So präsentierte sie auf der Londoner Weltausstellung noch im selben Jahr die erste schlüssellose Taschenuhr und kreierte 1868 die erste Schweizer Armbanduhr überhaupt – eine Sonderanfertigung für die ungarische Gräfin Koscowicz.

Genau wie seine Vorfahren, blickt Thierry Stern mit Hochachtung auf die frühen Kapitel des Unternehmens zurück und betont ausdrücklich, dass er die Marke nicht sein Eigen nennen will. Vielmehr sieht er sich als Behüter, der die Handwerkskünste und Innovationen Pateks für die Zukunft bewahren möchte.

Rein faktisch betrachtet befindet sich die Firma jedoch im Besitz der Sterns und wird heutzutage auf einen Wert von rund 10 Milliarden Euro geschätzt.

Wäre es dann nicht viel einfacher, den Hersteller zu verkaufen, nie wieder zu arbeiten und den Rest des Lebens in purem Luxus zu verbringen?

Ein Verkauf: Ausgeschlossen

Thierry Stern weiß auf diese Frage eine klare Antwort. Denn in seiner Familie geht es, trotz des enormen Reichtums, nicht um Yachten, Villen oder Luxusautos. Der Unternehmer ist davon überzeugt, dass ihn ein Verkauf nichts als unglücklich machen würde – schließlich liebt er, was er tut.

Trotz dieser klaren Haltung des Präsidenten gibt es regelmäßig Gerüchte über einen möglichen Verkauf – zuletzt Anfang 2019, als im Vorfeld der Baselworld eine Übernahme durch den Luxusgüterkonzern LVMH oder Rolex im Raum stand. In Wahrheit sehen die Vorstellungen Sterns jedoch ganz anders aus. Am liebsten würde er das Geschäft eines Tages an seine eigenen Kinder weiterreichen – ganz gemäß der alten Familientradition. Das hat aber noch Zeit.

Denn zunächst sollen die Nachfolger ihre eigene Leidenschaft für den Uhrenbau entdecken und die nötigen technischen Fähigkeiten erlangen, um Patek später einmal führen zu können. Es scheint so, als würde der berühmteste Werbespruch des Hauses auch auf die Stern-Dynastie selbst zutreffen: „Eine Patek gehört einem nie ganz allein. Man beschützt sie nur für die nächste Generation.“

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