© Andreas Gruhl – stock.adobe.com

Spezimatic

«Ein Kaliber, das den Eisernen Vorhang überwand»

Aus dem Nichts erschaffen, aufgeblüht, demontiert und schließlich wiedergeboren: Die Geschichte Glashüttes markiert ein spannendes Kapitel der modernen Horologie. Selbst in den dunklen Zeiten des DDR-Regimes, als die örtlichen Uhrenhersteller zu einem verstaatlichten Großbetrieb zusammengefasst wurden, vollbringen die sächsischen Ingenieure mit dem robusten Automatikwerk Spezimatic eine technische Meisterleistung. In Ost- und Westdeutschland gleichermaßen begehrt, wächst es über die Jahrzehnte zu einem Symbol der Überwindung des Eisernen Vorhangs heran.

Vom Berg- zum Uhrenbau: Die Vorgeschichte

Wer die wahre Bedeutung des Spezimatic verstehen will, muss bis in die frühen Zeiten der Industrialisierung zurückreisen. Genauer gesagt ins Jahr 1845: Damals ist Glashütte eine von vielen Bergbaustädten im Müglitztal, die unter den allmählich versiegenden Erzvorkommen der Region zu leiden hat. Es sollte ein gewisser Ferdinand Adolph Lange sein, der das Schicksal des Ortes mit reichlich Mühe und einer kräftigen Startfinanzierung der sächsischen Regierung zum Guten wenden würde.

Dem Dresdner Uhrmacher gelingt es, die lokalen Arbeiter zu Meistern der Feinmechanik auszubilden und den Grundstein für eine florierende Uhrenindustrie zu legen. Rund 100 Jahre später kehren die schwarzen Zeiten zurück. Der Zweite Weltkrieg verwandelt Glashütte zunächst in eine nüchterne Produktionsstätte für Zünder und Militäruhren, bevor der Ort am letzten Kriegstag, dem 8. Mai 1945, durch Bombardierungen der Sowjets weitestgehend zerstört wird. Was noch übrig ist, wird demontiert. 1951 folgt die Zusammenlegung aller verbliebenen Manufakturen zum VEB („Volkseigener Betrieb“) Glashütter Uhrenbetriebe durch die DDR-Regierung.

Mit dem Kürzel GUB versehen, wird der staatliche Großbetrieb zur Versorgung der sozialistischen Diktatur und anderer Ostblock-Staaten mit verlässlichen und kostengünstigen Armbanduhren eingesetzt. Die Geburtsstunde des Spezimatic-Kalibers.

Flach, langlebig und wartungsarm

Die ersten Exemplare des Antriebs, dessen Name ein Kofferwort aus „Spezial“ und „Automatik“ darstellt, präsentieren die GUB im Jahr 1964 der Öffentlichkeit. Im Fokus der Entwicklung steht ihre flache Bauweise, die einen massiven Fortschritt gegenüber vorherigen Kalibern markiert und die schlanken Designs der Sechziger überhaupt erst möglich macht. Zudem müssen die Techniker im Sinne einer wirtschaftlichen Produktion auf die Langlebigkeit und simple Wartung des Werks achten – 20 Jahre Nutzungszeit sind die Mindestanforderung der sozialistischen Planer.

Mit der Standardfrequenz von 2,5 Hz (18.000 Halbschwingungen pro Stunde) schlagend, erbringt das Spezimatic eine akzeptable Präzision von -30/+50 Sekunden pro Tag. Sicherlich kein Spitzenwert, aber ebenso wenig das volle Potenzial der ostdeutschen Entwickler. Welche Präzision die sächsischen Uhrmacher tatsächlich realisieren konnten, beweist eine Kleinserie von rund 2.000 bis 3.000 jährlich produzierten Chronometern. Richtig gelesen, das rudimentäre Spezimatic erreichte tatsächlich die Schweizer Qualitätsstandards von -2/+3 Sekunden Abweichung täglich.

Im Vergleich zur Gesamtproduktion in Glashütte ist diese Anzahl jedoch verschwindend gering: Bis zur Produktionseinstellung im Jahr 1978 werden knapp 4 Millionen Kaliber hergestellt, wobei rund die Hälfte auf die ältere Ausführung 06-25 und die andere Hälfte auf die modernere 06-26 entfällt.

Wertvolle Devisen: Das Spezimatic im Westen

Bemerkenswert ist vor allem der hohe Exportanteil der Glashütter Uhrenbetriebe: So wird rund ein Drittel der Werke in den Westen verkauft, was dem sozialistischen Staat dringend benötigte Devisen einbringt. Ein Win-Win-Geschäft, denn auch auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs schätzt man die Spezimatic-Werke für ihre hohe Robustheit und Langlebigkeit.

Dort unter dem Namen „Meisteranker“ erhältlich, wird das kleine Kaliber zum großen Symbol für die Verbundenheit der deutschen Bevölkerung – über Mauern, Grenzen und politische Systeme hinweg.

Glashütte: Wiedergeburt nach dem Mauerfall

Bevor es allerdings zur lang ersehnten Wiedervereinigung kommen soll, erhält das 1978 eingestellte Spezimatic noch einen verbesserten Nachfolger: Das Spezichron. Bis ins Jahr 1985 produziert, legt es eine erhöhte Unruhfrequenz von 4 Hz (28.800 Halbschwingungen pro Stunde) an den Tag und verbessert die Präzision seines fleißigen Vorgängers spürbar.

Insgesamt werden rund 360.000 Exemplare produziert, bevor das Spezichron durch die modernere (und aus DDR-Sicht vor allem günstigere) Quarztechnik ersetzt wird. Glücklicherweise sollte diese Ära der Horologie ein jähes Ende finden. 1990, noch im Jahr der Wiedervereinigung, erwächst aus dem VEB Glashütter Uhrenbetriebe die Glashütter Uhrenbetrieb GmbH, die ihre Zeitanzeiger zunächst unter zwei Markennamen vertreibt: GUB und Glashütte Original.

Glashuette Original PanoMaticLunar in der Version 1-90-02-42-32-05 Glashuette Original PanoReserve in der Version 1-65-01-22-12-24

Während ersterer Hersteller auf kostengünstige ETA-Werke aus der Schweiz setzt, fokussiert sich Glashütte Original auf die Fertigung eigener Manufakturkaliber. Spätestens 1994, als das Unternehmen seinen Besitzer wechselt, wird die Rolle der beiden Marken klar: GUB verschwindet von der Bildfläche, Glashütte Original entwickelt sich zu jener renommierten Luxusmarke, die wir heute kennen und schätzen. Durch die Akquisition seitens der Swatch Group im Jahr 2000 profitiert das Unternehmen von einer stabilen finanziellen Grundlage und bietet seinen Kunden im Jahr 2020 ein größeres Produktportfolio als je zuvor.

Und was ist aus dem Spezimatic geworden?

Obwohl der Produktionszeitraum des Spezimatic über 40 Jahre zurückliegt, haben viele Exemplare des robusten Arbeitstiers bis heute überlebt. Je nach Seltenheit, erfreuen sie sich einer hohen Nachfrage in der Sammlerszene und erstrecken sich über eine breites preisliches Spektrum: Während gewöhnliche, gut erhaltene Ausführungen im mittleren dreistelligen Bereich angesiedelt sind, können seltene Goldmodelle auch gerne mal 10.000 Euro kosten.

Egal, für welches Exemplar sich der interessierte Sammler entscheidet: Jede Ausführung der Spezimatic ist Mahnmal und Hoffnungsträger zugleich. Mahnmal, weil das Kaliber unweigerlich an die politischen Umstände seiner Entstehung erinnert. Hoffnungsträger, weil es die souveräne Überwindung des Eisernen Vorhangs symbolisiert. Möge die Historie der Spezimatic für immer in den Geschichtsbüchern der Horologie verewigt sein, schließlich begründet sie den Mythos Glashütte mit, zu dem heute viele Marken wie MÜHLE, NOMOS oder Union Glashütte gehören.

überprüfen Sie auch

Frankenwatches, Redial oder Replikat?

Es ist der Albtraum jedes Uhrenliebhabers: Das scheinbar perfekte Vintage-Modell vom Gebrauchtmarkt, eigentlich gedacht als …

Warum die römische Vier auf Uhren meist mit vier Strichen geschrieben wird

« Eine kleine Uhrengeschichte » Römische Ziffern zur Markierung der Stundenindizes sind vor allem bei …

Baureihe Junghans Solar und Funk – Alternative Luxusuhren aus Deutschland

Luxusuhren müssen nicht zwingend mit einem mechanischen Antrieb ausgestattet sein. Vielmehr gibt es im Luxussegment …