Wir erklären die Komplikation Minutenrepetition

Das Tourbillon – höchste aller Komplikationen? Nicht ganz. Die wahre Königin des mechanischen Uhrenbaus ist die Minutenrepetition: Extrem kompliziert herzustellen, verleiht sie der Zeit durch die akustische Wiedergabe der aktuellen Zeigerpositionen einen Klang. Warum Repetitionsuhren im Preisbereich zwischen Luxuslimousinen und Wohnungen angesiedelt sind und wie der exklusive Mechanismus funktioniert, verraten wir Ihnen hier.

Historische Ursprünge der Minutenrepetition

Stellen wir uns einen englischen Geschäftsmann des 17. Jahrhunderts vor, der auf dem Weg zu einem wichtigen Termin durch die Weiten der Landschaft kutschiert. Es ist stockdunkel, seine Taschenuhr lässt sich trotz bester Bemühungen nicht ablesen. Eine Situation, die den Londoner Uhrmachern Edward Barlow (1636-1716) und Daniel Quare (1648-1724) sehr präsent gewesen sein muss: Unabhängig voneinander entwickeln sie um 1680 das erste Repetitionsschlagwerk, um die Zeit hörbar zu machen.

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Eine revolutionäre Erfindung, die durch Weiterentwicklungen wie etwa die Tonfeder Abraham Louis Breguets von 1783 immer raffinierter wird und 1892 in der ersten Armbanduhr mit Repetitionsschlagwerk von Audemars Piguet mündet. Wichtig ist, zwischen verschiedenen Arten dieser Schlagwerke zu unterscheiden: Während frühere Varianten meist nur in Viertelstunden- oder Fünf-Minuten-Schritten erklingen können, ermöglichen die präziseren Minutenrepetitionen eine akustische Wiedergabe bis auf die Minute genau. Ab etwa 1910 erscheinen die ersten Armbanduhren mit Minutenrepetition, deren Funktionsprinzip bis heute gleichgeblieben ist.

Wie benutzt man die Komplikation?

Wesentliches – und häufig einziges – optisches Erkennungsmerkmal moderner Zeitanzeiger mit Repetition ist ein Schieber bzw. Aufzugsriegel an der (zumeist linken) Gehäuseflanke. Seine Betätigung erfüllt eine Doppelfunktion: Erstens wird damit die Minutenrepetition aktiviert, zweitens die nötige mechanische Energie für die akustische Wiedergabe bereitgestellt. Aber was, wenn man den Schieber nur halb aufzieht und somit zu wenig Kraft erzeugt wird? Bereits 1720 wurde dazu eine Vorrichtung namens „Tout ou rien“ (zu deutsch: „alles oder nichts“) entwickelt, die den Repetitionsvorgang nur im Falle eines bis zum Anschlag betätigten Aufzugsriegels in Gang setzt. So wird die Wiedergabe falscher Uhrzeiten durch mangelnde Energie verhindert.

Nachdem der Schieber korrekt betätigt wurde, lassen Armbanduhren mit Minutenrepetition ein dreistufiges Konzert erklingen.

Dabei steht die Anzahl der tiefen Töne für die Stunden, während Viertelstunden durch Doppelschläge und Minuten durch hohe Töne repräsentiert werden. Ein Beispiel: Sie hören acht tiefe Schläge, drei Doppelschläge und elf hohe Töne. Daraus folgt acht Uhr (acht tiefe Schläge), 45 Minuten (drei Doppelschläge) und elf Minuten (elf hohe Klänge), zusammen also 8:56 Uhr. Was zunächst nach einem simplen mechanischen Vorgang klingt, ist in Wahrheit mit enormer Komplexität verbunden.

Grundlegende Funktionsweise einer Minutenrepetition

Um sich diese Schwierigkeit intuitiv bewusst zu machen, ist der Vergleich mit Chronographen hervorragend geeignet. Auch sie erfüllen eine Funktion gewissermaßen auf Knopfdruck, nämlich das Stoppen der Zeit. Allerdings vollführt ein Chronograph immer dieselbe Funktion, egal zu welcher Uhrzeit des Tages.

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Wie jeder gewöhnliche Zeitanzeiger muss er die Uhrzeit nicht „wissen“, um seine Arbeit zuverlässig zu erledigen. Und genau hier liegt der Knackpunkt, der Armbanduhren mit Minutenrepetition fundamental von allen anderen Modellen abhebt: Sie müssen die aktuelle Uhrzeit erfassen, weil in Abhängigkeit der Zeigerpositionen immer ein anderer akustischer Output erfolgt. Repetitionsuhren gleichen also einem mechanischen Computer, der den Input Uhrzeit erfassen, verarbeiten und in Form von Tönen wieder ausgeben muss. Ohne Elektronik, nur mit Rädern, Nocken und Federn.

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Das Grundprinzip der Komplikation beruht auf einem sogenannten Schlagwerk, einem unabhängigen Räderwerk neben dem gewöhnlichen Gehwerk für die Uhrzeit. Genau wie gewöhnliche Antriebe, ist dieses Schlagwerk mit einer Zugfeder ausgestattet, welche durch das Aufziehen des Schiebers gespannt wird. In diesem Moment beginnen kleine Hämmerchen mit der akustischen Darstellung der Uhrzeit. Aber woher wissen diese, wie oft sie schlagen müssen?

Ein Beispiel zum Repetieren

Dazu verfügen Armbanduhren mit Minutenrepetition über drei Stufenscheiben (sog. Staffeln) für Stunden, Viertelstunden und Minuten. An diese Staffeln sind sogenannte Rechen geknüpft, welche die aktuelle Uhrzeit während des Aufzugs abtasten und bei ihrem Rückweg zur Ausgangsposition die Hämmerchen betätigen. Am Beispiel der Stundenstaffel – einer schneckenförmigen Scheibe mit zwölf Stufen – funktioniert das um sieben Uhr folgendermaßen: Ihr Rechen wandert während des Aufzugs sieben Stufen nach vorne und benötigt dementsprechend einen Rückweg von sieben Stufen zur Standardposition. Bei jeder dieser Stufen erklingt ein Ton.

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Sobald die Stunden geschlagen sind, sorgt ein Mechanismus für die Aktivierung der Viertelstunden-Rechen: Seit dem Aufzug befindet er sich auf der korrekten Position der Viertelstundenstaffel und wird nun angewiesen, ebenfalls in seine Ausgangsposition zurückzukehren. Während dieser Rückkehr wird der Doppelton aktiviert. Anschließend gilt gleiches Prinzip für den Minutenrechen, der an eine Minutenstaffel mit vier Mal 14 Stufen gekoppelt ist. Dadurch wird sichergestellt, dass während der Rückkehr des Rechens nur die Minuten seit der letzten Viertelstunde wiedergegeben werden.

Minutenrepetition: Höchstes Level der Uhrmacherkunst

Nicht nur die technische Komplexität der Repetition, sondern auch ihre fachgerechte Montage und akustische Abstimmung zählt zu den schwierigsten Arbeiten, die ein Uhrmacher in seiner Karriere lernen kann. Egal ob bei Patek Philippe, Breguet, Blancpain oder Jaeger-LeCoultre: Wo Armbanduhren mit Minutenrepetition gebaut werden, sind eigens ausgewählte, besonders erfahrene und talentierte Feinmechaniker für diese Krönung der Komplikationen verantwortlich. Eine einzige Minutenrepetition erfordert im Schnitt etwa sechs Wochen Handarbeit. Hinzu kommt die Beschränkung auf engste Räume: So verfügt das Schlagwerk je nach Bauweise über 200 bis 300 Einzelteile, die auf einer Höhe von wenigen Millimetern unterkommen müssen. Nur wer diesen Aufwand in seiner Tiefe begriffen hat, kann die meist sechsstelligen Preisschilder einer neuen Minutenrepetition gänzlich nachvollziehen.

Status der Minutenrepetition

Mit diesen Preisen geht natürlich eine extreme Exklusivität einher. So beläuft sich die gesamte Jahresproduktion Patek Philippes auf etwa 60.000 Stück, aber nur einige Dutzend dieser ohnehin schon luxuriösen Meisterstücke verleihen der Uhrzeit einen Klang. Hinzu kommt, dass jede Minutenrepetition in gewisser Weise ein Unikat ist, weil die individuelle Abstimmung der Akustik zu leicht variierenden Klängen selbst innerhalb derselben Referenz führt. Auch die Werkstoffe des Gehäuses, die Größe der Uhr und die Bauweise der Tonfeder beeinflussen das Endergebnis der musikalischen Komplikation massiv. Dadurch erhalten Repetitionsuhren eine Persönlichkeit, einen Charakter, wie er keinem anderen Zeitanzeiger dieser Welt zuteilwird. Meilenweit über den Dingen – die Minutenrepetition stellt die Grenzen der modernen Horologie auf atemberaubende Weise unter Beweis.

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