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Chronographen-Kupplungen

« Horizontal oder vertikal macht einen Unterschied »

Zur Verbindung des Stoppsekundenzeigers mit dem Uhrwerk bedarf es einer Kupplung: Man unterscheidet dabei zwischen horizontalen und vertikalen Ausführungen, deren Funktionsweisen sich grundsätzlich voneinander unterscheiden. Doch wo genau liegen die Differenzen und welche Vor- bzw. Nachteile bringen beide Varianten mit sich?

Der Chronograph – eine Erfindung aus Napoleons Zeit

Die aufwendige Konstruktion eines Chronographen lässt es kaum erahnen, aber bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Pioniere der Uhrenwelt imstande, Uhren mit dieser Funktion zu fertigen.

Als Erfinder gilt Louis Moinet: Der Franzose, der übrigens viele Jahre mit dem noch bekannteren Abraham Louis Breguet kooperierte, schuf im Jahr 1816 den sogenannten „Terzzähler“, der 216.000 Vibrationen pro Stunde produzierte und eine Nullrückstellung besaß. Auch der Bau von Weckern und astronomischen Uhren sowie sein berühmtes Uhrmacherlehrbuch „Traité d’horlogerie“ machten Moinet zu einer wahren Größe der Uhrmacherkunst.

Viel Feinarbeit erforderlich: Die horizontale Chronographenkupplung

Er und viele seiner Zeitgenossen nutzen dabei die Technik der horizontalen Chronographenkupplung, die auch heute noch in Manufakturen wie Girard-Perregaux und Breguet eingesetzt wird. Sie heißt so, weil die beteiligten Räder auf einer Ebene liegen. Zu diesen zählen einerseits das Chronozentrumsrad, das über eine Welle den Stoppsekundenzeiger trägt, andererseits das Mitnehmerrad sowie ein sogenanntes Zwischenrad (häufig auch Kupplungsrad genannt).

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Bei einem Chronographen besitzt die Welle des Sekundenzeigers nun eine Verlängerung nach hinten, an der das Mitnehmerrad hängt und bei Bedarf, also sobald der Nutzer die Stoppfunktion aktiviert, mit dem Chronozentrumsrad verbunden wird. Ab diesem Zeitpunkt wird die Kraft des Sekundenzeigers an den Stoppsekundenzeiger weitergegeben. Problem: Gäbe es nur diese beiden Räder, würden sie sich stets in entgegengesetzten Richtungen bewegen. Die Lösung ist das Zwischenrad, das selbst keinen Zeiger trägt und sich, wie der Name bereits verrät, zwischen Mitnehmer- und Chronozentrumsrad befindet. Normalerweise läuft es permanent mit dem normalen Sekundenzeiger mit. Beim Einschalten des Zeitmessers wird ein Kupplungshebel bewegt, der das Zwischenrad mit dem Chronozentrumsrad in Eingriff bringt.

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Faszinierte Uhrenliebhaber wissen dabei vor allem die Optik zu schätzen: Alle Komponenten präsentieren sich dem Betrachter und liefern ein wunderschönes Bild ab. Problematisch ist allerdings das Höchstmaß an erforderlicher Feinarbeit. Sowohl der Schwingbereich des Kupplungshebels als auch die Feder, die den Stoppzeiger nach dem Stoppvorgang festhält (also das Ablesen der gestoppten Zeit erst ermöglicht), müssen auf den Punkt genau justiert werden. Auch der beim Einkuppeln entstehende Verschleiß der Räder sowie mögliche Ungenauigkeiten der festgehaltenen Zeit zählen zu den Nachteilen dieser Mechanik.

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Die vertikale Variante – reibungslos und effizient

Dem Schweizer Hersteller Pierce gelang es 1936 erstmals, einen Großteil dieser Schwierigkeiten zu eliminieren. Die Lösung, heute meist als technisch überlegene Konstruktion angesehen, stellt die vertikale Chronographenkupplung dar: Hier liegen die Räder nicht nebeneinander, sondern übereinander. An einem zylinderförmigen Zentrum befestigt, dreht sich das untere Rad ständig und ist permanent mit dem Sekundenrad verbunden. Analog rotiert auch das obere Rad immer, ist aber mit dem Chronozentrumsrad verbunden.

Wichtig: Im Normalzustand sind beide Räder nicht miteinander verbunden.

Betätigt man nun den Chronographen, wird eine Scheibe (mit dem oberen Rad fest verbunden) mittels einer Feder auf das untere Rad gedrückt; die Haftreibung erzeugt eine formschlüssige Verbindung. Die Trennung beim Stoppen erfolgt mittels einer Zange, die die Verbindungs-Scheibe wieder nach oben drückt.

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Somit kann, im Gegensatz zur horizontalen Kupplung, kein Zahn auf den Zahn eines anderen Rades drücken. Daraus resultiert einerseits die Unmöglichkeit eines Sprungs des Stoppsekundenzeigers beim Start, andererseits eine deutlich reduzierte Reibung und Abnutzung. Renommierte Uhrwerke wie das Omega Kaliber 9900, das Breitling Kaliber 01 oder das Rolex 4130 greifen daher mit gutem Grund auf die vertikale Chronographenkupplung zurück.

Was beim Chronographen wichtig ist

Man kann aber definitiv nicht von einer grundsätzlichen Überlegenheit der vertikalen Variante sprechen: Beide Chronographenkupplungen können auf verschiedensten Qualitätsniveaus gefertigt werden, sodass einige horizontale Ausführungen zu den besten Chronographen der Welt zählen. Andere Kriterien wie die Tiefe der Handarbeit oder die Fertigung im eigenen Haus sind hier aussagekräftiger. Insbesondere bei Manufaktur-Uhren mit meist hohem Anschaffungspreis ist von einer solchen Perfektion auszugehen, dass die Frage nach horizontaler oder vertikaler Chronographenkupplung keine Rolle mehr spielt.

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Interessanter ist für viele Uhrenliebhaber die Frage, ob es sich um einen Flyback-Chronographen handelt: Modelle mit dieser Funktion sind in der Lage, mittels eines einzigen Knopfdrucks zu Stoppen, auf Null zu stellen und eine neue Messung zu beginnen. Besonders bei Piloten oder Rennfahrern ist das von Nutzen, da auf diese Weise Etappen oder Streckenabschnitte gemessen werden können.

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Bei der Wahl sind Zusatzfunktionen also ein spannender Punkt: Sie erweitern den Funktionsumfang des gewöhnlichen Stoppsekundenzeigers und sehen manchmal auch einfach nur gut aus. So zum Beispiel die Tachymeter-Skala: An vielen Uhren wie beispielsweise der Tag Heuer Formula 1 zu finden, ermöglichen sie das sofortige Ablesen von Durchschnittsgeschwindigkeiten. Man fährt dabei an einer bestimmten Markierung los, legt einen Kilometer zurück und hält die Stoppfunktion an – auch im militärischen Einsatz oder bei der Frage, wie weit ein Gewitter nun entfernt ist, schafft ein Tachymeter-Chronograph Abhilfe. Zugegeben: Oft verschönert die Skala einfach nur das Meisterstück und sieht professionell aus – ohne jemals genutzt zu werden.

Quarzuhren – eine Alternative?

Ist von Chronographenkupplungen die Rede, so spricht man immer von Handaufzugs- oder Automatikuhren. Diese besitzen um Vergleich zu anderen mechanischen Uhren und besonders zu Quarzuhren eine gesteigerte Komplexität, was in der Regel mit hohen Preisen einhergeht – selbst ohne den Einsatz von Handarbeit. Wären Quarzuhren da nicht eine hervorragende Lösung? Immerhin sind sie ja deutlich preisgünstiger als ihre mechanischen Verwandten. Und welche Automatik-Uhr kann schon auf Zehntelsekunden genau stoppen?

Die Frage nach Quarz-Chronographen ist wie eine Gegenüberstellung von Funktionalität und Faszination: Obwohl sie in der Regel genauer und preislich attraktiver sind, können sie bei vielen Uhrenliebhabern keine Begeisterung auslösen.

Sie besitzen nicht dieses bewundernswerte Innenleben, nicht die jahrhundertealte Tradition und sind, platt gesagt, einfach nur ein batteriebetriebenes Gerät wie ein Handy oder Wecker. Dennoch haben auch Quarzuhren eine feste Anhängerschaft – die Frage, ob sie eine Alternative zu mechanischen Zeitnehmern sind, ist also eine des Prinzips. Ähnlich wie bei horizontalen und vertikalen Kupplungen.