Wie funktioniert die Gangreserve?

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Sie steht in jeder Produktbeschreibung, beeinflusst die Kaufentscheidung vieler Enthusiasten und legt die Ausdauer eines mechanischen Uhrwerks fest: Die Gangreserve. Maßgeblich von der Zugfeder innerhalb des Federhauses beeinflusst, kann sie in allen Preisklassen über eine separate Anzeige dargestellt werden. Aber wie funktioniert die Gangreserve eigentlich? Wir erklären die wichtigsten Grundlagen des horologischen Durchhaltevermögens und präsentieren Ihnen fünf der beeindruckendsten Modelle mit Gangreserveanzeige.

Zentrales Element: Die Zugfeder

Für die Energieversorgung eines jeden mechanischen Zeitanzeigers ist die Zugfeder verantwortlich. Untergebracht in einem eigens dafür vorgesehenen Gehäuse, dem Federhaus, wird sie entweder über die Krone (beim Handaufzug) oder einen Rotor (beim Automatikaufzug) gespannt. Unter der Gangreserve versteht man jene Zeitdauer, die von der maximalen Spannung bis zur völligen Entspannung der Zugfeder vergeht, ohne dass zwischenzeitlich neue Energie zugeführt wird. Wer also die Ausdauer seiner Armbanduhr messen möchte, muss einen kompletten Aufzug vornehmen und bis zum Stillstand des Sekundenzeigers warten.

Armbanduhr Nahaufnahme Technik
© Michael Tieck – stock.adobe.com

Ein näherer Blick zeigt, dass moderne Zugfedern absolute Hightech-Komponenten sind: So sorgen fortschrittliche Metalllegierungen wie etwa „Nivaflex“ dafür, dass die spiralförmig aufgerollten Bänder eine hohe Resistenz gegenüber Magnetfeldern und gleichzeitig eine extreme Robustheit besitzen – 10.000 bis 20.000 Zyklen der Spannung und Entspannung sind praktisch ohne Verschleiß möglich. Bei einer solchen Verlässlichkeit stellt sich die Frage, warum eine Gangreserveanzeige überhaupt verbaut wird – müsste es nicht reichen, den Zeitanzeiger regelmäßig aufzuziehen oder zu bewegen?

Aus Misstrauen entstanden: Die Anzeige der Kraftreserve

Soviel vorab: Die Darstellung der verbleibenden Gangreserve ist keineswegs notwendig und fehlt bei einem Großteil aller mechanischer Uhren. Um den Nutzen der Komplikation zu verstehen, müssen wir bis ins Jahr 1948 zurückblicken: Damals lanciert Jaeger-LeCoultre in der Powermatic die weltweit erste Gangreserveanzeige aus Serienproduktion. Die Präsentation fällt in eine Ära, die das große Aufkommen der Automatikwerke markiert und mit dem Misstrauen vieler Kunden zu kämpfen hat: Sie befürchten einen plötzlichen Stillstand des automatischen Antriebs und fühlen sich ohne ihren gewohnten Handaufzug unsicher. Jaeger-LeCoultres geniale Lösung besteht darin, die verbleibende Kraftreserve durch eine kleine Anzeige ins Zifferblatt zu bringen – einer der wegweisenden Schritte zur Durchsetzung des Automatikwerks. Obwohl das damalige Misstrauen heute verschwunden ist und eine Anzeige der Kraftreserve nur noch beim Handaufzug nötig ist, besitzt sie in Automatikuhren einen nützlichen Nebeneffekt: Wer auf eine stets hohe Spannung der Zugfeder achtet, kann die Gleichmäßigkeit und Präzision des Antriebs erhöhen.

Union Glashütte Noramis Gangreserve

Gleiche Funktionsweise, viele Designs

Was alle Gangreserveanzeigen eint, ist ihr grundlegendes Funktionsprinzip: So ist der Zeiger des Zifferblatts über ein spezielles Getriebe mit dem Aufzugsmechanismus verbunden. Jedes Mal, wenn das Uhrwerk aufgezogen wird, leitet das Getriebe einen kleinen Teil der Kraft an den Zeiger weiter und bewegt ihn zum „vollen“ Ende der Skala. Entspannt sich die Zugfeder hingegen, so wandert der Zeiger automatisch in die andere Richtung. Eine simple Komplikation, die in allen Preisklassen vorzufinden ist und verschiedene ästhetische Ausprägungen kennt.

Glashütte Original PanoReserve

Wer es simpel und traditionell mag, wird die Gangreserve-Skala der Glashütte Original PanoReserve lieben: Beschriftet mit den historischen „Auf“- und „Ab“-Markierungen der sächsischen Uhrenstadt, fällt die Dresswatch durch ihr asymmetrisches Zifferblatt-Design ins Auge und hält nach vollem Aufziehen bis zu 42 Stunden durch. Kein überragender, sondern ein üblicher Wert – die meisten Kraftreserven sind im Bereich zwischen 30 und 60 Stunden angesiedelt. Es wäre jedoch ein grober Fehler, die PanoReserve auf ihre Ausdauer zu reduzieren: Für rund 7.500 Euro bekommt der Käufer ein handwerkliches Meisterwerk, dessen Panoramadatum und aufwendige Kaliber-Verzierungen aus der Masse hervorstechen.

Klassische Skalen von Junghans bis Breguet

Mehr Informationen gibt die Gangreserveanzeige der Junghans Meister Agenda preis: Bei sechs Uhr angeordnet, liegt sie direkt unter der (heutzutage seltenen) Kalenderwochenanzeige und liefert mit den Zahlen 45, 30, 15 und 0 eine gute Orientierung der verbleibenden Stunden. Zusätzlich mit zwei Fenstern für Wochentags- und Datumsanzeige ausgestattet, begeistert der 40,4 Millimeter große Zeitanzeiger durch seine minimalistische Gestaltung und faire Preispolitik: Wer knapp 2.000 Euro nach Schramberg überweist, bekommt satte 48 Stunden Kraftreserve und übertrifft damit sogar die PanoReserve aus Glashütte.

Junghans Meister Agenda Junghans Meister Agenda

Wie weit das Spektrum der horologischen Ausdauer-Anzeige reicht, verdeutlicht die Breguet Classique Gangreserve (Referenz 5277): Rund sieben Mal so teuer wie die Junghans, verfügt sie mit 96 Stunden über die doppelte Kraftreserve des Schramberger Zeitanzeigers. Ein wahrlich spektakulärer Wert, der erst durch den Einsatz einer neuen Legierung bei der Zugfeder möglich wurde – andernfalls wären es lediglich 68 Stunden gewesen.

Breguet Classique Gangreserve Breguet Classique Gangreserve

Noch radikaler zeigt sich die Blancpain Fifty Fathoms Tourbillon: Sie verfügt über drei in Serie geschaltete Federhäuser, die zusammen eine unglaubliche Gangreserve von 192 Stunden – oder genau acht Tagen – ermöglichen. Entsprechend wurde auch die Anzeige modifiziert: Statt einer Stundenskala wie bei der Junghans oder einer fast unbeschrifteten Anzeige wie bei der Breguet (lediglich die Zahl „96“ thront hier am oberen Ende) finden wir hier eine simple Darstellung der Tage – von eins bis acht. Alle andere als simpel ist der Rest des 45 Millimeter großen Divers, dessen Tourbillon mit einem satten Herstellerpreis von mindestens 128.800 Euro einhergeht.

Powermatic 80: Hightech zum erschwinglichen Preis

Regionen, die für einen Großteil aller Uhrenliebhaber unrealistisch sind. Es braucht allerdings keine sechsstelligen Beträge, um leistungsstarke Kaliber mit hoher Gangreserve zu erleben. Es braucht nicht einmal vierstellige Beträge. Den Beweis dafür liefert das Powermatic 80, ein ebenso moderner wie bewährter Antrieb des Swatch-Konzerns. Eine der neuesten Kreationen mit dem Automatikwerk ist die Tissot Gentleman, deren Herstellerpreis von rund 800 Euro sogar eine Siliziumspirale inkludiert. Ihre 80 Stunden Kraftreserve werden zwar nicht über eine Anzeige dargestellt, können allerdings auch ohne diese Skala begeistern und rücken der 14.000-Euro-Breguet gefährlich nahe.

Ein Beispiel, das die tragende Rolle der Gangreserve in der heutigen Uhrenindustrie einmal mehr verdeutlicht: Vom Einsteigermodell bis zu den Power Reserve Editionen der High-End-Liga beobachten wir eine stetige Weiterentwicklung und Verbesserung der mechanischen Antriebe. Nicht nur neue Materialien bei der Zugfeder, sondern auch intelligente Konzepte wie etwa die Reihenschaltung mehrere Federhäuser ermöglichen Leistungen, die noch vor Jahrzehnten undenkbar waren. Ob die Innovationskraft auch zukünftig anhalten wird? Die Chancen stehen gut.

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