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Svend Andersen: Uhrmacher des Unmöglichen

Dass ein Uhrmachermeister einem größeren Publikum namentlich bekannt wird, ist heute relativ selten. Anders als im 18. oder 19. Jahrhundert, bleiben die Schöpfer der kleinen Meisterwerke heute meist anonym oder werden allenfalls in Fachmedien erwähnt. Eine der wenigen Ausnahmen ist Svend Andersen, der sich als „Uhrmacher des Unmöglichen“ international einen Namen gemacht hat. In diesem Beitrag stellen wir unseren Lesern diese außergewöhnliche Persönlichkeit der Uhrengeschichte und einige ihrer interessantesten Kreationen vor.

Frühe Begeisterung für die Uhrmacherei

Der 1942 in Dänemark geborene Svend Andersen begeisterte sich schon früh für die Uhrmacherei. Unmittelbar nach dem Abschluss der Grundschule begann er eine vierjährige Uhrmacherausbildung an der Dänischen Uhrmacherschule. Diese gehörte seinerzeit zum Königlichen Technologischen Institut in Kopenhagen. Nachdem er seine Uhrmacherlehre erfolgreich abgeschlossen und das entsprechende Diplom erworben hatte, entschloss sich der damals 21-Jährige im Jahr 1963 in die Schweiz – die führende Uhrmachernation der Welt – zu gehen und seine Kenntnisse dort zu vervollkommnen.

Seine erste Station war die renommierte Uhren- und Schmuckfirma Gübelin, in deren Luzerner Filiale Andersen für rund zwei Jahre arbeitete. 1965 wechselte er in die Genfer Filiale von Gübelin. Dank seiner guten Sprachkenntnisse wurde er dort auch im Ladendienst eingesetzt und konnte sich so aus erster Hand einen Eindruck von den Bedürfnissen und Wünschen einer anspruchsvollen Klientel von Uhren- und Schmuckkäufern machen.

Andersens erstes Projekt: die Flaschenuhr

Das erste Projekt, mit dem Svend Andersen größere öffentliche Aufmerksamkeit erregte, war eine Flaschenuhr, die er 1969 schuf und die auf der Montres et Bijoux in Genf ausgestellt wurde. Es heißt, die Idee dazu sei ihm am Silvesterabend des Jahres 1968 gekommen und möglicherweise von den sogenannten Buddelschiffen inspiriert gewesen. Ähnlich wie bei diesen von Seeleuten in mühevoller Handarbeit hergestellten Schiffsmodellen in Flaschen widmete auch Andersen in den folgenden fünf Monaten einen erheblichen Teil seiner Freizeit dem Bau der Flaschenuhr.

Teil für Teil musste er durch den Flaschenhals in die Flasche einführen und dort zu einem veritablen Uhrwerk mit Handaufzug zusammensetzen.

Dieses verfügte über eine Gangreserve von acht Tagen und beeindruckte auf der Genfer Uhren- und Schmuckmesse nicht nur die internationale Fachpresse und das Publikum, sondern auch Vertreter der Uhrenmanufaktur Patek Philippe, die den jungen dänischen Uhrmacher umgehend für ihr „Atelier de Complications“ – das hauseigene Atelier für Uhrenkomplikationen – engagierten. Schon mit der Flaschenuhr begründete er seinen Ruf als „Uhrmacher des Unmöglichen“. Neun Jahre arbeitete er für die renommierte Manufaktur, bevor er 1979 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Selbstständiger Uhrmachermeister mit eigener Werkstatt und einer Leidenschaft für Weltzeit- und Kalenderuhren

Als nunmehriger Inhaber einer eigenen Uhrenwerkstatt konnte sich Andersen verstärkt mit der Entwicklung und Umsetzung außergewöhnlicher Ideen befassen. Dazu zählte beispielsweise die 1989 geschaffene erste Weltzeituhr Communication, auf die wenig später die Sonderserie Communication 24 folgte. Deren erstes Exemplar trug übrigens der Prinzgemahl Henrik von Dänemark. Ebenfalls 1989 fand eines von Andersens Werken Eingang in das Guinness-Buch der Rekorde: die kleinste Kalenderuhr, die jemals weltweit gebaut worden war.

Uhrmacherwerkstatt
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Das Thema Weltzeituhren beschäftigte den Ausnahme-Uhrmacher auch in den folgenden Jahren intensiv. So schuf er beispielsweise 1992 anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus die Weltzeit-Jubiläumsuhr „Christophorus Columbus“. Die limitierte Serie umfasste insgesamt 500 Uhren, deren Gehäuse aus Gelb-, Rosé- und Weißgold beziehungsweise aus Platin gefertigt waren.

Die Kalenderuhr der Superlative und weitere Weltzeituhren

Schon ein Jahr später machte Svend Andersen mit seiner Kalenderuhr „Perpetuel 2000“ Furore. Diese gestaltete er im Art-Déco-Look und verzichtete auf dem Zifferblatt auf Tages-, Wochen- und Monatsangabe. Nur das Datum erscheint in einem relativ großen Fenster, während auf der Rückseite der Uhr ein 4×12-Monatsanzeiger zur genauen Einstellung des Kalenders zu finden ist.

1994 schuf Andersen mit der 24 Stück umfassenden Mundus-Serie erneut eine Weltzeituhr, die die weltweit flachste ihrer Art ist.

Trotz der anspruchsvollen Technik beträgt ihre Dicke des Platingehäuses mit zwei Saphirgläsern lediglich 4,2 Millimeter. Mit dem Modell Hebraika präsentierte Svend Andersen im selben Jahr zudem eine Armbanduhr mit einem jüdischen Kalender, die er in Kooperation mit Alain Silberstein entwickelt hatte und die eine absolute Weltpremiere darstellte. 1996 erweiterte er seinen genialen Kalendermechanismus erhielt zur „Perpetuel Secular Calender“, der ersten Armbanduhr mit hundertprozentig ewigem Kalender. Diese verfügt unter anderem über ein Zahnrad, welches sich in 400 Jahren nur einmal dreht und das fehlende Schaltjahr 2100 kompensiert.

Exklusive Ideenfeuerwerke für Uhrenliebhaber

Zu den außergewöhnlichen Kreationen Andersens in den letzten Jahrzehnten gehören die 1997 entwickelte Armbanduhr Eros mit einem raffinierten Figurenautomaten und einem massiven Goldgehäuse, die „Montre à tact“ von 1998 und die „Date discrète“ von 1999. Das Jahr 2000 nahm der geniale Uhrenschöpfer zum Anlass, mit der „Perpetuel Impératrice“ eine Damenuhr im Goldgehäuse vorzustellen, bei der es sich um die kleinste jemals gefertigte Uhr mit Ewigem Kalender handelt. Um das Zifferblatt übersichtlich und leicht ablesbar zu halten, wurden alle weniger wichtigen Angaben auf der Rückseite der Uhr untergebracht. Andersens Orbita Lunae von 2002 überraschte die Fachwelt in Basel schließlich mit einer absolut neuartigen Mondphasenanzeige.

Svend Andersen
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Seine Leidenschaft für das Außergewöhnliche veranlasste Svend Andersen übrigens auch dazu, 1985 gemeinsam mit Vincent Calabrese in Genf die Akademie der unabhängigen Uhrenkreateure (Academie Horlogere des Createurs Independants bzw. AHCI) ins Leben zu rufen, die er 17 Jahre lang als Vorstand leitete.

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