Das Nomos Swing System

Das Nomos Swing System

« Von ETA zur Manufaktur »

Zu den größten Geheimnissen der mechanischen Uhrenwelt zählt die Frage, wie man eine präzise Hemmung konstruiert. Nur wenige Firmen besitzen das Fachwissen zur Herstellung der taktgebenden, extrem filigranen Baugruppe. Im Jahr 2014 gelingt Nomos Glashütte das scheinbar Unmögliche: Nach sieben Jahren Entwicklungszeit und einem Investment von elf Millionen Euro lanciert die sächsische Erfolgsmarke mit dem Swing System ihre eigene Hemmung und gewinnt vollständige Unabhängigkeit in der Werkeproduktion.

Was macht die Hemmung so kompliziert?

Die Hemmung, auch Assortiment oder Reglage genannt, ist Herz und kompliziertester Bestandteil eines mechanischen Uhrwerks zugleich. Akustisch durch das typische Ticken charakterisiert, verleiht die Hemmung ihrem Zeitanzeiger seinen Takt und besteht aus mehreren Komponenten, die allesamt nur minimalste Fertigungstoleranzen besitzen dürfen. Andernfalls wäre eine präzise Darstellung der Uhrzeit unmöglich.

Die Hauptbestandteile des Assortiments sind Unruh, Spirale, Ankerrad und Anker, ergänzt um weitere mikroskopisch kleine Teile. Vor allem die hauchdünne Spirale, welche in modernen Uhrwerken aus Gründen der Zuverlässigkeit und Robustheit zunehmend aus Silizium gefertigt wird, erfordert zur Produktion einen unermesslichen Aufwand, den sich ausschließlich Firmen mit großzügigem Budget leisten können. Die zentrale Herausforderung ist das Kleinformat der Hemmung in Armbanduhren – wird die Baugruppe für größere Zeitanzeiger konstruiert, ist die Umsetzung weitaus simpler.

Wissen aus einer vergangenen Zeit

Dass Nomos mit dem Swing System im Jahr 2014 eine komplett eigene Hemmung auf die Beine stellte, sorgte in der Uhrenwelt berechtigterweise für Aufsehen. Denn das Glashütter Unternehmen konnte nicht auf vorhandene Literatur oder mathematische Berechnungen von Assortiments zurückgreifen – letztere existierten nicht. Das hat historische Gründe: Mit dem Aufkommen der ersten Quarzwerke Ende der 1960er-Jahre glaubten viele Menschen aus der Uhrenindustrie, das mechanische Werk hätte keine Zukunft. Man stellte sich eine elektronische Zukunft am Handgelenk vor.

Und da viele traditionelle Uhrenfirmen während der Quarzkrise in den 1970er- und 80er-Jahren pleite gingen, wagte sich niemand, größere Geldsummen in die Weiterentwicklung mechanischer Hemmungen zu investieren.

Das Überleben stand im Vordergrund. Nach dem Ende der Quarzkrise verblieb das entscheidende Wissen über präzise Assortiments bei zwei Unternehmen: Den Swatch-Töchtern ETA und Nivarox. Wer fortan mechanische Uhren bauen wollte, hatte zwei Optionen: Den sicheren und relativ kostengünstigen Einkauf beim Schweizer Monopolisten oder die riskante Eigenentwicklung mit unbekannten Kosten.

90 Prozent Manufakturwerk sind nicht genug

Dass sich angesichts dieser Ungewissheit die meisten Uhrenmarken des mittleren Preissegments für den sicheren Weg entscheiden, ist nachvollziehbar. In der Praxis bedeutet das aber, dass viele der uns bekannten Manufakturkaliber gar keine hundertprozentigen Eigenentwicklungen sind – zwar werden die meisten Komponenten „In-House“ hergestellt, montiert und überprüft, aber das winzig kleine Assortiment muss hinzugekauft werden. Nomos Glashütte ging es vor dem Swing System genauso. Seit ihrer Gründung im Jahr 1990 erhöhte die Marke schrittweise ihre Unabhängigkeit.

Erst aus ästhetischer Perspektive – mit den zeitlosen Bauhaus-Designs ihrer Ursprungskollektionen Orion, Tangente, Ludwig und Tetra von 1991 – und anschließend aus technischer Sicht. Das wichtigste Jahr für die Marke war 2005, als sie ihren feierlichen Schritt zur Manufaktur mit der Präsentation des Alpha-Werks vollzog. Letzteres steigerte das Ansehen der jungen Marke in Fachkreisen enorm und trug wesentlich zu ihrer Anerkennung als feste Größe der Glashütter Uhrenwelt bei. Satte 80 Prozent der Arbeiten am Werk werden jetzt in der Heimatstadt durchgeführt.

Swing System von Nomos: Die ultimative In-House-Technik

Für das Ziel der vollständigen Unabhängigkeit von Drittquellen reichen 80 Prozent aber nicht aus – das Assortiment des Alpha-Werks muss immer noch aus der Schweiz bezogen werden. Erst das Swing System von Nomos sollte diesen Zustand ändern. 2007 erlebt die Vision der hauseigenen Hemmung ihre Geburtsstunde, als sich der Uhrenhersteller in Kooperation mit der Technischen Universität Dresden auf die Mammutaufgabe einlässt.

Der Vorteil gegenüber früheren Jahrzehnten: Komplexe Computersimulationen erlauben eine Berechnung des Zusammenspiels aller Komponenten, die im Assortiment reibungslos ineinandergreifen müssen. Neben dem Aufbau sind die Materialien eine zentrale Herausforderung im Swing System. Unterstützung erhält Nomos vom Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden, das die Suche nach modernen Werkstoffen vorantreibt. Schlüsselrollen auf dem Weg zum hundertprozentigen Manufakturkaliber spielen die jungen Techniker Theodor Prenzel und Lutz Reichel, die dem Swing System vom Prototypen zur Serienreife verhelfen.

„Wie die Landung auf dem Mond“

2014 wird das Mega-Projekt nach sieben Jahren und über 11 Millionen Euro Entwicklungskosten abgeschlossen. Seine glorreiche Weltpremiere feiert das Swing System auf der Baselworld, wo die Fachwelt nicht aus dem Staunen herauskommt. Plötzlich ist Nomos nicht mehr eine von vielen Marken im mittleren Preissegment, sondern zählt zu einem kleinen Kreis elitärer Uhrenfirmen, die ihr eigenes Reguliersystem in Serie fertigen können. Wie bedeutsam der Schritt für das Unternehmen ist, bringt CEO Uwe Ahrendt damals trefflich zum Ausdruck: Es fühle sich wie die Landung auf dem Mond an, sagt der Firmenchef.

Für die Entwickler Prenzel und Reichel gleicht der Durchbruch einem Olympiasieg – das selbst entwickelte Swing System im Schaufenster zu sehen, erfülle sie mit großem Stolz.

Apropos Schaufenster: Ihre Markteinführung feiert die Technik in der Handaufzugsuhr Metro, gefolgt von der schrittweisen Übernahme in das übrige Produktportfolio. Heute ist das Swing System vor allem in der Mitte und Spitze der Produktwelt vertreten, während die meisten Einstiegsmodelle vom Alpha befeuert werden.

In welchen Uhren arbeitet das Swing System?

Um Uhren mit dem Swing System zu identifizieren, sollte man auf die Werksbezeichnung „DUW“ achten: Verbreitete Handaufzugswerke mit der hauseigenen Hemmung sind das DUW 4101, welches unter anderem im Klassiker Nomos Glashütte Metro 38 Datum verbaut ist, und das in der Tangente Datum Gangreserve eingesetzte DUW 4401.

NOMOS Glashuette Minimatik nachtblau in der Version 1205 mit Saphirglasboden

Soll es ein Automatikwerk sein, empfehlen wir die Nomos Glashütte Minimatik und die Nomos Glashütte Metro neomatik – beide Editionen werden vom DUW 3001 befeuert und zeichnen sich durch ihre schlichte, reduzierte Ästhetik aus. Auch in Automatikuhren mit den DUW-Kalibern 5201, 5101, 5001 und 6101 dürfen sich Enthusiasten über die Manufaktur-Hemmung freuen.

NOMOS Glashuette Metro 38 Datum in der Version 1102 mit Saphirglasboden NOMOS Glashuette Metro neomatik 39 silvercut in der Version 1114 mit Saphirglasboden

Ist die Entscheidung für das Swing System getroffen, steht natürlich noch die große Frage der Optik im Raum. Wer kompakte Uhrengrößen präferiert, sollte unbedingt die Minimatik in Nachtblau (Ref. 1205) mit ihren 35,5 Millimetern Durchmesser kennenlernen – wird ein Automatikaufzug bevorzugt, raten wir zur 35 Millimeter schlanken Metro neomatik (Ref. 1114).

Und will man dasselbe Design in größerem Format erleben, lohnt sich ein Blick auf die Nomos Glashütte Metro 38 Datum (Ref. 1102).

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