Mechanische Uhrwerke mit springender Sekunde

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Bei mechanischen Uhren zieht der Sekundenzeiger gleichmäßig seine Kreise, bei Quarzuhren hingegen springt er im Sekundentakt immer weiter. Diese Meinung ist selbst unter Uhrenkennern weit verbreitet. Doch stimmt dies wirklich in jedem Fall? In diesem Beitrag sind wir der Frage für unsere Leser nachgegangen.

Der erste Blick kann täuschen…

Wer sich bei einem geschäftlichen Meeting, in der Cafeteria oder in irgendeiner anderen alltäglichen Situation schnell und unauffällig einen Eindruck davon verschaffen möchte, was für eine Uhr sein Gegenüber am Arm trägt, richtet er seinen Blick meist auf den Sekundenzeiger. Bewegt sich dieser ruckartig von eine Sekunde zur nächsten, so wird daraus meist geschlossen, dass die Uhr eher im unteren Preissegment angesiedelt sei und von einem Quarzwerk angetrieben werde.

Gleichmäßiges Kreisen des Zeigers hingegen gilt als Indiz für ein mechanisches Uhrwerk beispielsweise einer Herrenuhr mit Handaufzug oder einer Automatikuhr und damit für eine höhere Preiskategorie. Dies trifft so allerdings nicht in jedem Falle zu. Zum einen sind zwar mechanische Uhrwerke und die damit ausgestatteten Uhren meist teurer als vergleichbare Uhren mit Quarzwerken, doch dies bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass jede Quarzuhr billig wäre. Vielmehr sind Uhren mit Quarzantrieb bis in die höchsten Sphären des Luxussegments hinein anzutreffen, insbesondere bei Damenuhren. So kann beispielsweise eine Omega Constellation aus der Linie Luxury Edition Quarz durchaus einen hohen fünfstelligen Euro-Betrag kosten. Zum anderen muss eine schrittweise Bewegung des Zeigers nicht zwingend bedeuten, dass dieser von einem Quarzwerk bewegt wird.

Was ist eine „tote Sekunde“?

Uhrmacher unterscheiden je nach Bewegung des Sekundenzeigers die springende Sekunde und die schleichende Sekunde. Im ersteren Fall wird auch der französische Begriff Seconde morte verwendet, was so viel wie „tote Sekunde“ bedeutet. Der Sekundenzeiger springt jeweils im Sekundentakt weiter, verharrt aber zwischendurch jeweils unbeweglich in der erreichten Stellung. Bei einer schleichenden Sekunde, im Französischen als Seconde trotteuse bezeichnet, scheint sich der Sekundenzeiger dagegen jeweils kontinuierlich weiterzubewegen. Die Geschwindigkeit ist dabei so eingestellt, dass der Zeiger jeweils nach einer Sekunde eine weitere Sekundenmarkierung passiert. Mechanische Uhren und die springende Sekunde miteinander zu kombinieren, mag aus heutiger Sicht – angesichts der gleichen Lösung bei Quarzuhren – nicht besonders reizvoll erscheinen.

Einige Uhrmacher früherer Generationen sahen darin jedoch einen Herausforderung, der sie sich mit großer Hingabe widmeten.

Zu den Pionieren auf diesem Spezialgebiet der Uhrmacherei gehörte Jean-Moise Pouzait (1743-1793), der 1777 im Alter von 23 Jahren einen Mechanismus für den Antrieb des Sekundenzeigers erfand, der vom Gehwerk der Uhr unabhängig war und sich separat anhalten ließ. Konkret löste er das Problem so, dass ein zweites Laufwerk mit in der Werkmitte befindlichem Sekundenrad mit einem dünnen Hebelarm am Laufwerksende in das Trieb des Ankerrades greift. Erst nach Ablauf einer ganzen Sekunde wird diese „Peitsche“ wieder für einen Umlauf freigegeben, woraufhin der große Sekundenzeiger seinen nächsten Sekundensprung vollführt.

Der mit einem zweiten Laufwerk verbundene Aufwand war allerdings relativ hoch. Dies veranlasste die Uhrmacher verschiedener Manufakturen, Hilfsantriebe zu konstruieren, welche von dem eigentlichen Uhrwerk kontinuierlich nachgespannt werden. Ein Beispiel dafür ist der Glashütter Uhrmacher und Manufakturgründer Adolf Lange, der Mitte der 1860er Jahre einen entsprechenden Mechanismus für eine seconde morte entwickelte, der jedoch nur in wenigen Werken Verwendung fand.

Neuere Entwicklungen zum Thema mechanische Uhrwerke und springende Sekunde

Dass Quarzuhren mit mechanisch-analoger Anzeige ebenfalls eine springende Sekunde zeigen, ist übrigens auf die verwendeten elektrischen Antriebssysteme wie den Lavet-Schrittmotor zurückzuführen. Angesichts der Tatsache, dass die schrittweise Bewegung des Sekundenzeigers heute allgemein als typisches Merkmal von Quarzuhren angesehen wird, dürfte das Interesse an einer Handaufzugs- oder Automatikuhr mit springender Sekunde gegenwärtig wohl eher gering sein. Für viele Mechanik-Fans steht nun einmal der Glaubenssatz fest: Mechanische Uhren müssen Sekundenzeiger haben, die sich gleichmäßig und nicht ruckartig vorwärtsbewegen. Dennoch gibt es auch in der Gegenwart einige Ausnahmen von dieser scheinbar so unumstößlichen Regel.

So präsentierte die Uhrenmanufaktur Jaeger-LeCoultre 2015 auf der Uhrenmesse Watches & Wonders in Hongkong eine Uhr mit dem Modellnamen Geophysic True Second, bei der der Sekundenzeiger jeweils nach einer Sekunde einen Schritt weiterspringt. Und seit 2005 hat die springende Sekunde auch in der Kollektion von Habring² einen festen Platz, wo inzwischen schon mehrere Modelle mit dieser Funktion angeboten werden. Mag sein, dass es sich in den Augen vieler Uhrenliebhaber um eine reine mechanische Spielerei handelt und dass der praktische Nutzen, den die springende Sekunde und ein mechanisches beziehungsweise automatisches Uhrwerk bieten, sich nicht erschließt. Doch als interessantes Nischenprodukt haben diese Uhren durchaus ihre Berechtigung und zweifellos auch einen ganz eigenen Charme: Sie sind die perfekten Accessoires für alle diejenigen, die Wert auf Understatement legen und nicht jedem unbedingt auf den ersten Blick zeigen wollen, dass in ihrer Uhr ein automatisches Uhrwerk und kein Quarz-Kaliber arbeitet.

In jedem Fall bietet eine solche Uhr jedoch interessanten Gesprächsstoff unter Uhrenfreunden.

Ob und wie viele andere Hersteller sich ebenfalls dazu entschließen werden, mechanische Uhren mit einer springenden Sekunde auszustatten, bleibt allerdings abzuwarten. Nach einem anhaltenden, breiten Trend sieht es aktuell jedenfalls nicht aus, zumal es keine zwingenden praktischen Gründe für diese Lösung gibt.

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