Eleganter junger Mann schaut auf seine Armbanduhr - Kering trennt sich von Girard-Perregaux und Ulysse Nardin
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Kering trennt sich von Girard-Perregaux und Ulysse Nardin

« Quo vadis Luxusuhr? »

Lange war es ein Gerücht, jetzt haben wir die Bestätigung: Der französische Luxuskonzern Kering verkauft die beiden Uhrenmarken Girard-Perregaux und Ulysse Nardin. Noch in der ersten Jahreshälfte 2022 soll die Transaktion in Form eines Management-Buyouts vollzogen werden und die strategische Neuausrichtung Kerings unterstützen. Aber warum werden die Marken verkauft? Und welche Zukunft erwartet die traditionsreichen Manufakturen? Wir erklären die Hintergründe.

Große Visionen: Die Übernahme der Marken

Als Kering zwischen 2008 und 2011 die Marke Girard-Perregaux von den Macaluso-Erben übernimmt, sind die Erwartungen optimistisch: Nicht nur Uhren als sichere, wachstumsorientierte Geldanlage innerhalb des Konzerns sind ein Argument, sondern auch die prestigeträchtige Historie des Herstellers. 1791 gegründet, zählt die Manufaktur aus La Chaux-de-Fonds zu den ältesten Uhrenmarken der Welt und sorgt regelmäßig mit High-End-Komplikationen für Aufsehen – von Minutenrepetitionen bis Tourbillons und den typischen drei Brücken.

Girard Perregaux Vintage 1945 XXL Large Date, Moonphase - Kering verkauft Girard-Perregaux

Gleiches gilt für Ulysse Nardin: 2014 von den Erben des Ex-CEOs Rolf Schnyder gekauft, soll die 1846 gegründete High-End-Marke aus Le Locle für steigende Uhrenverkäufe sorgen. Auch der exotische Charakter Ulysse Nardins innerhalb des Luxussegments wird als Vorteil angesehen, weil sich Kollektionen wie die Ulysse Nardin Freak radikal vom Wettbewerb abgrenzen.

Fehlinvestition und enttäuschendes Wachstum

In Anbetracht des positiven Ausblicks, den beide Hersteller versprechen, zögert Kering damals nicht beim Kaufpreis. Der exakte Betrag ist unbekannt; Schätzungen legen gewaltige Übernahmekosten von 600 bis 800 Millionen Franken nahe. Eine Investition, die sich in den folgenden Jahren nicht auszahlt: Während die Marken unter den führungsstarken Vorbesitzern Macaluso und Schnyder noch ein florierendes Wachstum verzeichnen, können sich Girard-Perregaux und Ulysse Nardin innerhalb des Kering-Konzerns nicht behaupten. Neben dem fehlenden Zuwachs über die Jahre sind auch die absoluten Umsätze enttäuschend: Zusammengerechnet verbleiben beide Hersteller unterhalb eines durchschnittlichen Jahresumsatzes von 300 Millionen Franken. Zum Vergleich: Rolex allein erreicht 5,2 Millarden Franken im Jahr 2019.

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Der Vergleich mit LVMH schmerzt

Dass die Luxusuhren der High-End-Manufakturen keinen nennenswerten Beitrag zum Erfolg des Konzerns leisten, ihn möglicherweise sogar bremsen, kommt beim Vergleich mit den LVMH-Marken besonders stark zum Ausdruck. Erst im Januar 2022 hält der konkurrierende Konzern seine digitale Watch Week ab, auf der die Neuheiten der vier Uhrenhersteller Bulgari, TAG Heuer, Zenith und Hublot stolz präsentiert werden. Erfolg, Wachstum, Selbstbewusstsein – alle Werte, die LVMH mit seinem Portfolio zum Ausdruck bringt, sind bei den Kering-Uhrenmarken Mangelware. Ein Problem, das den Konzern seit Jahren beschäftigt und eine zentrale Frage aufwirft: Sollen die prestigeträchtigen Hersteller behalten und durch teure Investitionen gestärkt werden oder ist ein Verkauf sinnvoller? Spätestens seit Sommer 2021 herrscht in der Führungsetage Kerings Einigkeit darüber, dass letztere Option präferiert ist.

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Klarer Schlussstreich: Verkauf an das Management

Wiederholt erscheinen in den vergangenen Monaten News über eine angebliche Abspaltung der Hersteller. Sicherheit herrscht seit dem 24. Januar 2022, als Kering die Gerüchte bestätigt: Girard-Perregaux und Ulysse Nardin werden noch in der ersten Jahreshälfte aus dem Konzern scheiden. Wie der Verkauf exakt stattfinden wird, steht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht fest. Sicher ist jedoch, dass Kering die Sowind Gruppe, zu der die beiden Luxusmarken gehören, an das Management von Sowind verkaufen wird (Management-Buy-out). Eine Lösung mit Vor- wie Nachteilen: Während die Tatsache, dass die Luxusuhren-Produzenten nicht an die Konkurrenz von LVMH gehen, für Kerings Manager eine kleine Beruhigung sein dürfte, ist der wirtschaftliche Verlust der Transaktion beträchtlich. Denn klar ist: Die geschätzten 600 bis 800 Millionen Franken des ehemaligen Einkaufs wird der Konzern nicht annährend erhalten. Dennoch entschied man sich für den tiefgreifenden Schritt, um die strategische Neuausrichtung des Unternehmens zu beschleunigen.

Datenalyse, Symbolbild - Kering trennt sich von Girard-Perregaux und Ulysse Nardin
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„Grundlage für nachhaltiges Wachstum geschaffen“

Konkret möchte Kering seinen zukünftigen Fokus auf jene Marken lenken, die langfristig von entscheidendem Wert für den Konzern sind und von seiner Struktur profitieren. Dazu zählen beispielsweise die Modehersteller Gucci und Yves Saint Laurent sowie die Schmuckmarke Boucheron. Fragt man die Verantwortlichen des Konzerns nach den News zu Girard-Perregaux und Ulysse Nardin, erhält man eine optimistische Antwort: In den letzten Jahren sei ein starkes Fundament für ein langfristiges Wachstum der Hersteller gelegt worden, sodass sich letztere in Zukunft ausgezeichnet entwickeln könnten. Inwiefern diese Aussage zutrifft, können wir nicht beurteilen – Fakt ist, dass die Grundlagen des Wachstums nicht allzu stark sein können, sonst hätte man die Marken vermutlich im Konzern behalten.

In der Modellvielfalt der Marken sehen wir jedenfalls keine gravierenden Schwächen. Vor allem Girard-Perregaux bietet momentan eine überzeugende Vielfalt, die von der sportlichen Laureato und eleganten Girard-Perregaux 1966 Kollektion bis zu den High-End-Kunstwerken der Bridges Kollektion reicht. Auch Ulysse Nardin kann mit seinen Linien Freak, Marine, Diver und Classico auf eine starke Grundlage für die nächsten Jahre zurückgreifen.

Girard Perregaux 1966 41mm

Es geht weiter: Die Zukunft der Luxusmarken

Wir möchten es nochmal ausdrücklich betonen: Der momentan stattfindende Verkauf der Luxusmarken bedroht nicht deren Zukunft. Beide Hersteller werden ihre Liebhaber weiterhin mit exklusiven Kreationen der Oberklasse begeistern – ein Ende der Manufakturen steht nicht zur Diskussion. Wie die Zukunft exakt aussehen wird, kann zum jetzigen Stand (Februar 2022) noch niemand sagen. Momentan liegt die konkrete Ausgestaltung des Management-Buy-outs in den Händen von Patrick Pruniaux, der seit 2018 die Geschicke der beiden Hersteller lenkt und ebenso lange an deren Umgestaltung arbeitet.

Jetzt muss Pruniaux die Finanzierung des Verkaufs organisieren, was angesichts der flüssigen Finanzmärkte unserer Zeit kein Problem darstellen dürfte. Vom CEO zum Eigentümer – auch im persönlichen Leben hat die Umgestaltung für den Manager eine wichtige Bedeutung. Wir sind gespannt, wie er zwei der geschichtsträchtigsten Schweizer Luxusmarken in den nächsten Jahren aufstellen wird. Und wer weiß, vielleicht werden die Manufakturen bald zu jener Blütezeit zurückkehren, die sie vor der Kering-Übernahme erlebt haben.

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