Georges Kern: Breitlings CEO im Porträt

Er macht IWC zur Weltmarke, steigt zum obersten Uhrenchef bei Richemont auf und lenkt seit 2017 die Geschicke von Breitling: Georges Kern zählt zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Schweizer Uhrenbranche. Der geborene Düsseldorfer ist nicht nur CEO, sondern auch Mitbesitzer Breitlings und strukturiert die Modellpalette des Unternehmens seit drei Jahren konsequent um. Privat überrascht er 2019 mit einem Debüt als Filmproduzent.

Sorgt für Aufsehen: Ein plötzlicher Wechsel

Kern wird 1965 als Sohn eines Düsseldorfer Luxus-Juweliers geboren und absolviert ein Studium der Politikwissenschaften in Straßburg, bevor er seine Karriere in der Schweizer Konsumgüterbranche bei Kraft Foods beginnt. Später zum MBA an der Universität St. Gallen graduiert, wechselt Kern im Jahr 2000 in die Uhrenbranche und ist bei Richemont für die Integration von IWC verantwortlich. Ein Projekt, das die Karriere des ambitionierten Erneuerers sprunghaft beflügelt: Im Alter von nur 36 Jahren übernimmt er Anfang 2002 die Leitung von IWC und wird damit zum jüngsten Marken-CEO des Schweizer Luxusgüterkonzerns. In den folgenden Jahren steigert er die jährlichen Verkaufszahlen des Schaffhausener Herstellers von 40.000 auf über 100.000, treibt die Expansion in den asiatischen Markt voran und erhöht den Anteil an eigener Manufakturarbeit massiv.

Die erfolgreiche Führung soll sich auszahlen: Im April 2017 wird Georges Kern zum Leiter der gesamten Uhrensparte Richemonts ernannt. Umso größer das Aufsehen, als der ehrgeizige Manager nur drei Monate später zum deutlich kleineren Konkurrenten Breitling wechselt. Er wird nicht nur CEO, sondern auch Anteilseigner der Grenchener Traditionsmarke: Fünf Prozent des Unternehmens finanziert Kern aus seinem Privatvermögen. Damit steht er in einer Reihe mit der Luxemburger Investmentgesellschaft CVC, die Anfang 2017 zum größten Eigentümer Breitlings wird und eine stärkere Eroberung des asiatischen Marktes anstrebt.

China im Fokus: Breitling soll wachsen

Ein Ziel, das perfekt zu Georges Kerns Erfahrungen bei Richemont passt. Vor allem in China sieht der ambitionierte CEO großes Aufholpotenzial und betont die Präferenz der dortigen Kunden für klassische Zeitanzeiger – schlichter, eleganter und kleiner als etwa eine Navitimer 1 müssen die Modelle sein. Kein Wunder also, dass die neuen Kollektionen Premier und Navitimer 8 genau diese Anforderungen erfüllen. Sie sind Teil einer massiven Umstrukturierung des geflügelten Produktportfolios: Kern nutzt historische Modelle der Firmengeschichte als Inspiration für neue Editionen, will eine Mutation Breitlings zur Retro-Marke jedoch vermeiden. Vielmehr geht es darum, das Image der reinen Fliegeruhren- und Chronographen-Marke abzulegen und einen Vorstoß in noblere Regionen zu wagen.

Breitling Navitimer 1 Automatic 41      Breitling Navitimer 8 Automatic 41

Bei allem Mut zur Veränderung gibt es auch Dinge, an denen der Top-Manager mit drei Staatsangehörigkeiten (Deutscher, Franzose und Schweizer) festhalten will. So wird nicht nur die Kooperation mit Bentley fortgesetzt und regelmäßig Sondermodelle wie etwa die neue Mulliner Limited Edition hervorbringen, sondern auch die obligatorische Chronometer-Zertifizierung aller Zeitanzeiger beibehalten. Exotische Nischenprodukte wie die Emergency oder Exospace haben laut Kern (trotz ihrer relativ niedrigen Verkaufszahlen) Zukunftspotenzial, weil sie den funktionalen Geist des Herstellers besonders zum Ausdruck bringen.

Breitling Exospace B55 Connected

Ein Frontmann, der jede Uhr persönlich testet

Georges Kern kennt die Modelle seiner Marke besser, als man es von einer strategisch orientierten Führungskraft erwarten würde. Tatsächlich trägt der Boss jede neue Uhr vor ihrer Lancierung persönlich – was Kern nicht gefällt, kommt nicht auf den Markt. Der CEO sieht sich selbst weniger als Administrator, sondern als „Mann des Marktes“, der auch kleine Details wie etwa den Raumduft oder die Musik seiner Boutiquen in die Hand nimmt. Klare Ansagen, niemals Unsicherheit – wie ein entschlossener Kapitän verfolgt Kern immer einen deutlichen Kurs.

Sein Erfolgsrezept lautet Disziplin. Geprägt von einem fünfjährigen Internats-Aufenthalt im Elsass, verhelfen ihm ein starker Wille und Zielstrebigkeit zum Bestehen seiner Studiengänge. Der beste Student war Georges Kern nach eigenen Aussagen nie, wohl aber einer der entschlossensten. Bis heute ist seine Persönlichkeit von energischem Tatendrang gezeichnet – der passionierte Radfahrer kann sich nur schwer zurücklehnen und ein paar Stunden entspannen. Dazu hat er schlichtweg zu viele Projekte vor Augen.

Der Filmliebhaber erfüllt sich einen Traum

Erst vor wenigen Monaten verblüfft der CEO – nach seinem plötzlichen Wechsel zu Breitling – mit einem weiteren unerwarteten Schritt. Fasziniert vom Filmbusiness, erfüllt sich Kern einen Jugendtraum und produziert seinen ersten Kinofilm. „Mon chien stupide“ (2019) ist eine französische Komödie, die die Midlife-Crisis des Familienvaters Henri und seine dauernden Missgeschicke behandelt. Frustriert macht er seine Frau und vier Kinder für die Probleme seines Lebens verantwortlich und entschließt sich, einen riesigen und schlecht erzogenen Hund in seine Familie aufzunehmen.

Umstände, die Georges Kerns Privatleben keineswegs charakterisieren. Im Gegenteil: Seit 25 Jahren ist der Wahlschweizer glücklich mit seiner Ehefrau Monika verheiratet und darf sich Vater zweier erwachsener Kinder nennen. Der Manager ist überzeugt, dass ähnliche Interessen und gleiche Vorstellungen zum Erfolg seiner Ehe beitragen. In die Zukunft blickt Kern optimistisch – nicht nur privat. Er ist sich sicher, dass Breitlings neue Ausrichtung langfristige Früchte tragen wird und eine starke Aufstellung des Herstellers in der Uhrenbranche ermöglicht. Und sollte der Großinvestor CVC in einigen Jahren seine Anteile verkaufen, wäre Kern ein hoher Millionengewinn sicher. Was er dann machen wird? Weiterarbeiten – und vielleicht noch einen Film drehen.


Bildquelle Beitragsbild: ©Antoine Beu – en.wikipedia.org (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

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