Uhr mit Pulsmesser, Stundenwinkel, Telemeter und Co.

« Ungewöhnliche Skalen und Funktionen auf Zifferblättern »

Neben Stundenindizes und Minuterie finden sich auf den Zifferblättern mancher Luxusuhren Skalen, die nicht der Anzeige der Uhrzeit dienen, sondern für bestimmte Messungen verwendet werden können. Relativ bekannt ist die Tachymeterskala, die vor allem bei Sportchronographen häufig am Rand des Zifferblatts oder auf der Lünette zu sehen ist. Doch darüber hinaus gibt es noch verschiedene weitere Skalen, deren Sinn und Zweck sich dem Uneingeweihten nicht immer gleich auf den ersten Blick erschließen. Einige dieser „exotischen“ Zusatzfunktionen stellen wir in diesem Beitrag vor.

Rechnen – ohne Strom und Batterie

Ein relativ bekanntes Beispiel ist eine Rechenschieberfunktion, wie sie etwa bei der berühmten Breitling Navitimer 01-46 zu finden ist. Strenggenommen handelt es sich dabei nicht um einen Rechenschieber, sondern vielmehr um eine Miniaturversion einer Rechenscheibe. Das Prinzip ist jedoch in beiden Fällen dasselbe.

Breitling Navitimer 01 46mm mit RechenschieberDer Unterschied besteht lediglich darin, dass beim Rechenschieber mit zwei übereinanderliegenden linearen Skalen gearbeitet wird, bei der Rechenscheibe hingegen mit kreisförmigen Skalen. Im Falle der Navitimer, die als Fliegerchronograph eigens für die Bedürfnisse von Piloten und Flugnavigatoren konzipiert worden ist, war die Rechenschieberfunktion in erster Line für die schnelle und unkomplizierte Berechnung von Flugzeiten, Entfernungen, Geschwindigkeiten oder des Treibstoffverbrauchs bestimmt. Grundsätzlich lässt sich ein Rechenschieber beziehungsweise eine Rechenscheibe jedoch für jede Art von Multiplikations- und Divisionsaufgaben verwenden. Insbesondere Dreisatzrechnungen lassen sich damit schnell und einfach erledigen.

Wer viel unterwegs ist und beispielsweise häufiger Wechselkurse umrechnen muss oder aufgrund geschäftlicher Aktivitäten im englischsprachigen Raum des Öfteren mit nicht-metrischen Maßeinheiten zu tun hat, wird diese einfache Rechenhilfe schnell zu schätzen wissen, zumal sie im Unterschied zum Taschenrechner oder zum PC weder einen Stromanschluss noch eine Batterie erfordert.

Telemeter: Entfernungsmessung mittels Schall

Die heute relativ selten anzutreffende Telemeterskala sollte nicht mit der Tachymeterskala verwechselt werden. Das Tachymeter dient zur Ermittlung von Geschwindigkeiten, während mithilfe des Telemeters Entfernungen gemessen werden. Zur Ermittlung der Geschwindigkeit mittels Tachymeter werden entlang der gefahrenen Strecke Entfernungsmarkierungen benötigt. Die Messung erfolgt, indem der Stoppzeiger des Chronographen genau in dem Moment gestartet wird, in dem eine Markierung – beispielsweise ein Kilometerstein – passiert wird. Wird der Zeiger dann beim Passieren des nächsten Kilometersteins gestoppt, dann lässt sich auf der Tachymeterskala die durchschnittliche Geschwindigkeit auf diesem Streckenabschnitt ablesen. Steht der Zeiger etwa bei 40 Sekunden, so entspricht dies einer gefahrenen Durchschnittsgeschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde.

Longines Telemeter Chronograph mit TelemeterskalaAuch bei der Verwendung einer Telemeterskala spielt die Stoppfunktion eine wichtige Rolle, das der Messung zugrundeliegende Prinzip ist jedoch ein anderes. Es basiert auf dem linearen Zusammenhang zwischen Zeit und Geschwindigkeit, die als Produkt den Weg ergeben. Mithilfe der Telemeterskala können daher Informationen über die Strecken gewonnen werden, die innerhalb einer gestoppten Zeit zurückgelegt wurde. Voraussetzung ist dabei eine bestimmte Geschwindigkeit als Bezugsgröße.

Häufig verwenden Telemeterskalen als Bezugsgröße die Schallgeschwindigkeit, die unter normalen Bedingungen bei rund 333 Metern pro Sekunde liegt.

Praktisch genutzt wurden auf der Schallgeschwindigkeit basierende Telemeter zunächst vor allem durch das Militär. So ließ sich beispielsweise anhand des Zeitunterschieds zwischen dem Aufblitzen des Mündungsfeuers von Kanonen und dem wenig später ertönenden Knall ermitteln, wie weit die gegnerische Artillerie von den eigenen Stellungen entfernt stand. Nach demselben Prinzip kann auch leicht die Entfernung eines Gewitters vom eigenen Standpunkt festgestellt werden.

Junghans Meister Telemeter mit TelemeterskalaEin Beispiel für eine Luxusuhr mit einer solchen Funktion zur Distanzmessung ist die Longines Heritage Telemeter Chronograph. Wenngleich im Inneren ein modernes Chronographenwerk vom Kaliber 688 mit automatischem Aufzug arbeitet, erinnert das Retrodesign dieses Uhrenmodells doch an die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, in denen sich zum einen Armbanduhren bei militärischen wie zivilen Nutzern immer stärker durchzusetzen begannen und zum anderen telemetrische Entfernungsmessungen im militärischen Bereich noch eine wichtige Rolle spielten, bevor sie in den folgenden Jahrzehnten durch das Aufkommen anderer Messverfahren, insbesondere des Radars, an Bedeutung verloren.

Eine gänzlich anders wirkende Uhr mit Telemeterskala ist die Junghans Meister Telemeter.

Stundenwinkel-Uhren für Piloten und Entdecker

Eine weitere interessante Funktion, die vor allem Piloten und Entdeckern dienlich war, entwickelte Longines in Kooperation mit dem amerikanischen Flugpionier Charles A. Lindbergh, der vor allem wegen seiner ersten alleinigen Atlantiküberquerung mit einem einmotorigen Flugzeug – der „Spirit of St. Louis“ – im Jahr 1927 bekannt geworden war. Es handelte sich dabei um eine spezielle Armbanduhr, die auch als Stundenwinkeluhr bezeichnet wird und die schnelle Ermittlung des aktuellen Längengrades im Rahmen der Positionsbestimmung wesentlich erleichterte.

Das 1931 zeitgleich in Europa und Amerika auf den Markt gebrachte Instrument erlaubte es, den sogenannten Stundenwinkel direkt von der Uhr abzulesen, nachdem das zentrale drehbare Hilfszifferblatt zuvor mit einem Radio-Zeitzeichen synchronisiert worden war. Das diesem Zeitanzeiger zugrundeliegende Prinzip hatte ein amerikanischer Kommandant und Navigationslehrer namens Philip van Horn Weems entwickelt und sich patentieren lassen.

Bis heute zählt der Longines Lindbergh Stundenwinkel Chronograph zu den Klassikern in der Modellkollektion der Marke und wurde bereits mehrfach modifiziert beziehungsweise in limitierten Sonderauflagen gefertigt.

Es geht auch ohne Elektronik: die mechanische Uhr mit Pulsmesser

Eine Aufzählung von heute relativ seltenen, aber gleichwohl nützlichen Skalen auf Uhrenzifferblättern wäre nicht vollständig ohne die Erwähnung des Pulsometers oder Pulsmessers. Als Pulsmesser wird dabei eine Skalierung bezeichnet, die die Bestimmung der Pulsschläge pro Minute erleichtert, indem die Messung nicht mehr über eine volle Minute hinweg durchgeführt werden oder das Ergebnis nach kürzeren Zeiträumen entsprechend multipliziert werden muss. Mitunter findet sich für eine Uhr mit Pulsmesser auch die Bezeichnung „Doctor’s watch“.

Luxusuhrenhersteller, die Uhren mit Pulsmesser im Sortiment führten oder führen, sind beispielsweise Girard-Perregaux, Longines oder Omega.

Mit dem Aufkommen von Smartwatches und Fitness Trackern wird die Pulsmessung zwar fast nur noch elektronisch durchgeführt, doch für Fans hochwertiger mechanischer Uhren hat diese Funktion an einer Uhr mit Hand- oder Automatikaufzug nach wie vor einen besonderen Reiz – und für manch einen Mediziner mit Sinn für edle Uhren ist die Pulsometerskala auf dem Zifferblatt ein schönes, aber dezentes Statussymbol.

Longines Heritage Lindbergh Hour Angle Watch mit StundenwinkelPulsmesser, Stundenwinkel, Telemeter – nützlich im Auge des Betrachters

Ob Pulsmesser-, Stundenwinkel- und Telemeter-Komplikationen noch einen ganz praktischen Nutzen im ursprünglichen Sinne haben, darf bestritten werden. Unstreitbar ist allerdings die Raffinesse, die Manufakturen durch diese Funktionen Ihren Uhrkreationen verleihen konnten. Das Faszinosum der Konstruktion ist auch bei Telemeter- und Stundenwinkel-Uhren bestimmend und erlangt allein aufgrund der umgesetzten Idee großen Charme. Dies ist aber ein Stück weit natürlich mit jeder Uhr so!

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